Weltfrauentag… oh bitte nicht

An jedem verdammten 8. März ist mir danach, mich mit Migräne ins Bett zu legen und diesen Tag komplett zu verschlafen, insbesondere die Kommunikation einzustellen, sofern sie in irgendeiner Form mit dem “Weltfrauentag” zu tun hat. Schon einige Tage vor dem Weltfrauentag passiert nämlich etwas Seltsames. Dieses Seltsame funktioniert ähnlich wie die Mutation eines Kaktus zum Valentinstag. War der Kaktus vorher beim Blumengeschäft noch das angestaubte Ladenhüterli, karg und eher ungeliebt anzusehen, von all den Trendplanzen und duftenden Blümchen verdeckt, so wird er zum Valentinstag abgestaubt, im Preise um ca. 300% angehoben und mittels eines rot-weißen Schildchens mit der Aufschrift “Für meine geliebte Kratzbürste” zum “originellen Geschenk am Valentinstag für denjenigen, dem Rosen zu banal sind”.

So ähnlich funktioniert auch der “Weltfrauentag” mittlerweile – egal, welcher auch noch so löbliche Grund einst seine Einführung ermöglichte, heutzutage ist der WFT ein Mischmasch aus Werbung (kreieren Sie als starke Frage Ihr eigenes Parfum/ihren eigenen Schmuck… – wobei diese “Eigenkreationen” letztendlich nur das Ergebnis von im Baukastensystem nach Schema F zusammengemixten Standardideen sind), Pseudobetroffenheitsblabla (jedes Jahr müssen wir wieder an die armen Frauen in xy denken) und dem Alibiinterviewtrend (heute zum Weltfrauentag sprechen wir mit…). Einige Tage vor dem WFT beginnen diverse Leute, Redaktionen, Interviewer… plötzlich, sich an die im Hinterzimmer herumgammelnden weiblichen Personen zu erinnern, die einst Artikelvorschläge, Anmerkungen oder was auch immer einreichten, die darum baten, sie zurückzurufen und über ihren Fall zu berichten oder die einfach nur selbst einen Kontakt aufnehmen wollten. Plötzlich wird also das vor sich hin staubende Frauchen, das im “Irgendwann mal”-Ordner schmort, zum “hot topic”, denn es ist ja Weltfrauentag.

“Zum bevorstehenden Weltfrauentag möchten wir auf Ihren Artikelvorschlag eingehen und …”, “der Weltfrauentag steht vor der Tür und Sie als Frau könnten uns vielleicht…” – am Weltfrauentag haben plötzlich ganz viele Leute Zeit und Muße und sind soooo interessiert an den eigenen Ansichten, dass ich kaum mehr weiß, wem ich als Erstes ein “Lasst mich in Ruhe” zurückmailen soll. Ja, es ist erfreulich, dass mein Thema auf Interesse stößt, aber wenn dieses Interesse nur der Tatsache geschuldet ist, dass für den WFT noch ein “Thema von einer Frau” gesucht wird, dann ist das weniger als ein Lob als vielmehr ein Schlag in den Unterleib. Es heißt nichts anderes als: “Wäre heute nicht dieser WFT, würde ich eher WTF zu deinem Text sagen”. Es bedeutet: “Wärest du nicht heute das willkommene Alibiweibchen zum WFT, dann würde dein Text noch weiterhin hier vor sich hin gammeln.” 365 oder 364 Tage lang bin ich somit uninteressant, bis dann ein mehr oder minder verordneter Zwangsbeglückungstag dazu führt, dass sich jemand an meinen Text erinnert und ihn dann vielleicht doch liest. Würde er lesen, wäre nicht WFT? Wohl kaum.

Sie als Frau…

Die Formulierung “Sie als Frau” ist in vielen Fällen für mich schon ein Ausschlusskriterium. Es gibt in vielen Fällen Gründe dafür, warum jemand auf seine Meinung angesprochen wird, doch das Frausein ist nur in wenigen Fällen einer dieser Gründe. Wieso muss jemand “mich als Frau” zum Thema Datenschutz befragen? Wieso benötigt jemand meinen Kommentar von “mir als Frau”, wenn es um Fußball geht? Selbst wenn es darum geht, eine männliche und eine weibliche Ansicht darzustellen, so sind diese Gegenüberstellungen letztendlich nur eine Zementierung der bisherigen Klischees – meist läuft es auf ein “Er sagt, wie toll Fußball ist”, und “Sie sagt, dass Fußball für sie uninteressant ist”, hinaus oder auf genau das Gegenteil. Aber wieso ist dies von Belang?

Während das bei Meinungsartikeln noch entfernt nachvollziehbar ist, so ist es bei Fakten schlichtweg ermüdend. Wieso ist es von Wichtigkeit, ob eine Frau Zahlen aus der Kriminalitätsstatistik zitiert? Sofern es überprüfbare Zahlen sind, sollten das Geschlecht, Alter, Herkunft, Privatleben… völlig egal sein. Aber oft genug wird um meine Meinung “als Frau” gefragt. Geht es Männer so, dass sie wegen ihrer Meinung “als Mann” gefragt werden? Ich bezweifele es.

All diese Quoten-/Tag-/Geschlechtshervorhebungen haben für mich letztendlich eine Aussage: Deine Meinung wäre uninteressiert, wärst du keine Frau und würde es nicht für uns wichtig sein, “auch Frauen” zu Wort kommen zu lassen. Das ist, egal ob aus Quotendenken oder nicht, genau der Aspekt, der mich nervt; das ist das Denken, das ich nicht will. Nichts ist für mich schlimmer, als gefragt zu werden, ob ich bei einer Veranstaltung etwas zum Thema “Vorratsdatenspeicherung” beitragen möchte, nur um dann zu hören, dass nicht etwa eine Einschätzung meines Wissens, sondern vielmehr die Tatsache, dass “noch eine Frau fehlt”, zur Anfrage führte. Das ist oberflächlich und sexistisch.

Besser du als irgendein Kerl

Wie hier bei mela sehr schön erläutert wird, ist die neue Kampagne der Grünen, die hoffen, auf diese Weise mehr weibliche Mitglieder gewinnen zu können, ein typisches Beispiel dafür, wie Frauen und Männer gleichzeitig beleidigt werden bei dem peinlichen Versuch, sich an Frauen anzubiedern. “Besser du als irgendein Kerl” prangt in großen Lettern auf dem Plakat. Egal wie selbstironisch Claudia Roth mit ihrem Image als Nervensäge spielt oder Cem Özdemir sein Alter thematisiert – wie sehen es wohl Frauen, wenn sie letztendlich nicht auf Qualifikation, Wissen, Erfahrung, Meinung… angesprochen werden, sondern letztendlich nur als gesichtslose, persönlichskeitslose Quotenmasse dienen?

“Besser du als irgendein Kerl” ist die moderne Variante eines “Komm her, wir brauchen ein Weib”, das man aus Mittelalterfilmen kennt, in denen sich die saufenden Männer das unwillige Frauenzimmer auf den Schoß holen, um sich ihr Vergnügen zu holen. Nun gut, heutzutage ist es nicht das Vergnügen, sondern die hoffentlich bald erreichte Quote, wegen der jedwedes Weib in den Schoß der Partei gezogen werden soll. Für die Männer ist dies eine offene Klatsche, denn egal welche Qualifikation sie mitbringen, gegen den Vaginabonus haben sie dann keine Schnitte. Für die Frauen ist es gleichermaßen eine Klatsche, denn gleichgültig welche Qualifikation sie mitbringen, sie ist uninteressant, sofern nur der Vaginabonus erfüllt wird. Hier wird nicht einmal, egal wie witzig die Plakate sein sollen, darauf abgezielt, dass Frauen eben auch viel beitragen können, hier wird einfach nur gesagt “Frau = beliebter bei uns”. Warum? Gibt es keine Aspekte, die bezüglich der Tätigkeit von Frauen bei den Grünen hervorgehoben werden können? Können nicht auch Männer und Frauen gleichzeitig auf den Plakaten für mehr Mitglieder werben und zeigen, dass es eben egal ist, welchem Geschlecht jemand angehört?

Nein, stattdessen wird weiter ein Graben verbreitert, denn Frauen und Männer dürften von solchen Anbiederungsversuchen gleichermaßen genervt sein. Während die Frau sich fragt, wieso sie denn, außer die Quote der Grünen zu erfüllen, bei den Grünen aktiv werden soll, fragt sich der Mann, wieso er da eigentlich noch einen Mitgliedsantrag unterzeichnen soll, wenn er doch automatisch im Vergleich mit irgendeiner Frau den Kürzeren zieht. Es stellt sich auch die Frage, wie eine ähnlich gelagerte Kampagne verlaufen wäre, würde sie mit dem Spruch “Besser du als irgendeine Frau” untermalt werden.

Empfindlichkeiten…

Dass die Gräben sich weiter verbreitern, zeigt sich auch an den Empfindlichkeiten, die vorherrschen. Wenn am WFT jemand auf die Frage, warum Frauen in der Partei eher eine kleine Rolle spielen, sagt: Vielleicht sind sie zuhause zu sehr eingespannt, geht Entrüstung durch den Raum. Warum eigentlich? Weil es ggf. zu nahe an der Wahrheit sein könnte?

Für Alleinerziehende, egal ob weiblich oder männlich, stellen sich viele Fragen, wenn es um Engagement geht. Auch gibt es auf Grund von klassischen Rollenverteilungen in manchen Familien das Problem der Umsetzung des Engagement. Doch: welche Barrieren haben Frauen vor sich, die es ihnen unmöglich machen, sich in den Parteien zu engagieren? Was genau fehlt? Was müsste besser gemacht werden oder was wird gewünscht? Hierzu fehlen schlichtweg klare Ideen und Vorschläge – akademisch wird darüber gesprochen, dass Frauen in den Parteien zu wenig vertreten sind, ohne all diese Aspekte einmal zu beleuchten. Aber – und das wird auch eher selten gesagt – in Zeiten, in denen z.B. bei der Piratenpartei, auch eine Mitarbeit virtuell möglich ist, dürfte Frauen, ebenso wenig wie Männern, ein großes Hindernis in den Weg gelegt werden. Die Möglichkeiten zur Partizipation sind vorhanden – und wer meint, dass er als Frau nicht ernstgenommen wird oder als Mann zu Frauenthemen sowieso nicht befragt wird, kann auch pseudonym aktiv werden. Worin hier genau die Hindernisse bestehen bleibt eher offen.

Wie rückständig

Die Art und Weise, wie um Frauen bei Parteien geworben wird, ist eine Art und Weise, die die Frauen zu reinen Quotenweibchen werden lässt, was Männer logischerweise aufbringt. Bevorzugung ist kein Weg, der Gleichberechtigung bedeutet, sondern nur weitere Kämpfe mit sich bringt. Dabei haftet Initiativen wie die der Grünen auch ein gewisser Mief an, der letztendlich vom uralten Geschlechterkampf, von Spalten statt Versöhnen zeugt. Doch noch etwas ist bei all den Diskussionen um Frauen in Parteien, in Vorstandsetagen usw. eher wenig zur Sprache gekommen: Die Frage, ob Frauen teilweise nicht einfach zufrieden sind mit dem, was sie haben. Vielleicht verzichten manche auch lieber auf den besser bezahlten Posten im Vorstand, weil sie dafür mehr Zeit für sich haben? Vielleicht ist ihnen Hobby und Freizeit wichtiger als die 14-18-Stunden-Tätigkeit, die viele Positionen in Chefetagen mit sich bringen, egal ob nun von Männern oder Frauen ausgeübt? Hier fehlen zahlreiche Daten darüber, wie viele Frauen benachteiligt werden, wie viele gar nicht aufsteigen möchten und warum usw. Die Diskussion ist, genauso wie die Diskussion um Jugendschutz beispielsweise, eher etwas, an dem sich akademisch abgearbeitet wird.

Diskussionen darüber, dass Frauen mehr in Vorstandsetagen vorhanden sein sollen, werden gerne geführt, Diskussionen darüber, dass manche Frauen vielleicht einfach lieber Hausfrau sind, werden dagegen per se als rückständig und reaktionär, als unwissend und sexistisch gebrandmarkt. Die meisten Frauen aber werden eher gar nicht gefragt, was sie eigentlich möchten. Die Diskussionen konzentrieren sich auf die eine oder andere Seite, ohne sich um Zahlen, Daten, Fakten zu kümmern und Optionen für alle zu schaffen.

Der Trend, Familiendasein, Ehe usw. als rückständig anzusehen, nimmt allerdings weiter zu. Die neue Spießigkeit besteht nicht mehr darin, naserümpfend auf andere herabzusehen, die unverheiratet sind, alleinstehend… die neue Spießigkeit rümpft die Nase bei den Frauen, die sich verheiraten, eine Schürze anziehen, kochen und auf diese Art und Weise glücklich sind. Die alten Rollenmuster sollen durch neue abgelöst werden, egal ob erwünscht oder nicht. Doch dadurch werden nur neue Zwänge geschaffen.

Ja, es sollte gleiche Chancen für alle geben und hieran muss gearbeitet werden. Dringend sogar. Aber bitte keine Zwangsbeglückung mit der nächsten Einladung für “mich als Frau”.

Source : http://www.heise.de/tp/blogs/5/151599

Von Twister (Bettina Hammer) in Telepolis > Außer Kontrolle