So verschieben Sie eine Debatte nach rechts

So verschieben Sie eine Debatte nach rechts

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Selbst Konservative sagen inzwischen, dass der Mord an Walter Lübcke auch eine Folge aufgeheizter, rechter Kommunikation ist. Dahinter steht die Analyse, dass sich die öffentliche Debatte nach rechts verschoben hat – aber wie funktioniert das eigentlich? Eine berechtigte Frage. Deshalb folgt hier eine Anleitung für alle Menschen, ob sie auf Facebook publizieren oder bloß Kolumnen und Leitartikel schreiben, ob sie Blogs vollschreiben oder gezwungen sind, Pressemitteilungen für Behörden zu verfassen, ob sie twittern oder ausgedruckte Präsentationen per Rundfax im Bekanntenkreis verschicken:

1. Entnazifizierung

Niemand darf als Nazi bezeichnet werden, auch nicht Nazis. Gerade nicht Nazis, die könnten sich sonst so emotional belastet fühlen, dass sie womöglich ins Morden geraten. Bestehen Sie darauf, dass Nazis am 8. Mai 1945 aufgehört haben zu existieren. Wenn jemand ein Hakenkreuz-Tattoo auf der Stirn hat, Hitlergrüße um sich wirft und den Holocaust gleichzeitig leugnet und wiederholen will, dann lassen Sie sich maximal dazu hinreißen, die Person “Hooligan” zu nennen. Aber fügen Sie sicherheitshalber ein “betrunken” hinzu.

22.06.2019, Rechtsrockfestival Schild und Schwert stattfindet, vor einer Bühne. Auf der Weste des rechten Mannes steht auf dem Rücken die Aufschrift: Mannschaft - Schild und Schwert Festival - Arische Bruderschaft.

Ein “Zuwanderungskritiker” und ein “tieftrauriger Bürger” auf einem Rechtsrockfestival – Foto: Daniel Schäfer/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

2. Entschärfung

Entschärfen Sie alles von rechts prinzipiell um zwei, drei Umdrehungen. Machen Sie aus einem rassistischen Mord ein “tragisches Unglück”. Bezeichnen Sie rechtsextreme Gruppen als “relativ eventbetonte” Jugendliche. Nennen Sie eine rechtsextreme Gewalttat einfach “Auseinandersetzung”, als wären sich ein paar Leute in die Haare oder an die Kopfhaut geraten.

3. Beschönigung

Nennen Sie Rassisten “Zuwanderungskritiker”. Bezeichnen Sie alle Akteure zunächst als konservativ, höchstens aber als “rechtspopulistisch”, egal, wie extremistisch, rassistisch oder gewalttätig sie sind. Überlegen Sie sich für eindeutig Rechtsextreme lustig verharmlosende Worte wie “Nationalromantiker” . Im absoluten Notfall greifen Sie zum unverfänglichen Hörensagen. Wenn also Hitler wiederaufersteht, nennen Sie ihn “der in manchen Kreisen als rechtsnational verschriene Adolf Hitler”.

4. Passivierung

Direkt an Entschärfung und Beschönigung grenzt die Passivierung, mit der Sie rechte Täter von der Hauptperson zu allenfalls zufällig Beteiligten machen. Bei einem Nazimord wurde das Opfer nicht von einem Rechtsextremen erschossen, sondern kam durch einen Schuss zu Tode. Der sich gelöst hat. Von einer Waffe. Auf bisher unklare Weise. Wenn eine Passivierung zu umständlich ist, entscheiden Sie sich für eine Objektifizierung: Der Molotowcocktail hat das Flüchtlingsheim angezündet, nicht etwa ein rassistischer Attentäter. Je häufiger Sie sprachlich vertuschen, dass Rechtsextreme absichtsvoll und geplant handeln, um so besser.

5. Positivierung

Sehen Sie in allem Rechten stets das Positive, in bester Tradition der wunderbaren Autobahnen, die uns das “Dritte Reich” hinterlassen hat. Die Wahl rechtsradikaler Parteien zeigt uns in diesem Sinne endlich die wahren Prioritäten der Bevölkerung. Rassisten sind eine Probe für unsere Toleranz. Und Adolf Hitler hat immerhin den schlimmsten Nazi des 20. Jahrhunderts erschossen, das muss man doch auch mal anerkennen.

6. Ich kann beim besten Willen keinen Rassismus erkennen

Vermeiden Sie um jeden Preis den Begriff “Rassismus”. Dass Lübcke ermordet wurde, weil er sich gegen Rassismus stellte, verschweigen Sie. Denn das könnte jemanden daran erinnern, dass rechtsextreme Gewalt gar nicht “gegen uns alle” gerichtet ist, sondern nur gegen nicht weiße, muslimische, jüdische, andersgeschlechtliche, andersliebende, behinderte oder einfach sozial schwächere Menschen sowie diejenigen, die sich aktiv für solche Gruppen einsetzen. Wenn es gar nicht anders geht, sagen Sie allerhöchstens “fremdenfeindlich”, um gleich klar zu machen, dass Leute, die anders aussehen, stets Fremde sein müssen. Wenn die Rede ohne Ihr Verschulden auf Rassismus zu sprechen kommt, führen Sie reflexhaft an, dass immer mehr ganz normale Menschen in zutiefst rassistischer Weise “alte, weiße Männer” genannt werden. Weinen Sie dazu im Takt.

7. Traditionsparadox

Verweisen Sie bei jeder Gelegenheit auf die prägenden Leistungen des Deutschen Reichs unter Bismarck, scheuen Sie sich nicht, lieb gewonnene Traditionen auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zurückzuführen, aber sprechen Sie vom “Dritten Reich” als “olle Kamellen”, die “irgendwann mal auch vorbei sein müssen”.

8. Rechtsstaat nur für Rechte

Heben Sie ausschließlich bei Rechten hervor, dass der Täter noch nicht verurteilt sei, irgendwas mit Privatsphäre und Persönlichkeitsrecht und dass das Unschuldsprinzip auch für Nazis, Pardon, Rechtsorientierte gilt. Gehen Sie dagegen bei allen anderen immer sofort von zweifelsfreier Schuld aus, insbesondere natürlich bei Linken. Der Rechtsstaat ist für Rechte, sonst hieße er ja Linksstaat.

9. Meinungsfreiheit

Bestehen Sie immer dann auf Meinungsfreiheit, wenn es um Ihre Meinung geht. Erklären Sie ausnahmslos jede Kommunikation zur Meinung, noch jeder Tötungsaufruf lässt sich als Mischung aus verzweifelter Reaktion und Satire lesen, und Satire darf alles. Außer Nazis Nazis nennen oder Ironie.

10. Political Correctness

Schimpfen Sie auf politische Korrektheit, wenn Ihnen kein scheinrationales Argument für Ihr dumpfes Bauchgefühl einfällt. Ihrer Freiheit, rassistische, antisemitische oder sexistische Worte zu verwenden, dürfen weder Anstand noch Gesetz entgegenstehen. Bezeichnen Sie selbst sanfteste Widerworte als “Hetze”. Wer hätte noch nicht aus Wut über linke Bevormundung den ein oder anderen Anschlag geplant?

11. Verbotsgezeter

Ein Verbot ist es nur, wenn es Sie betrifft. Sonst ist es “notwendige Regulierung” oder “gesunder Menschenverstand”. Doch Vorsicht: Auf diese Weise lassen sich Debatten auch versehentlich nach links verschieben.

12. Schuldumkehr

Machen Sie aus einem rechtsextremen Übergriff stets einen “Konflikt”. Das impliziert, dass irgendwie alle Beteiligten eine Mitschuld tragen. Betonen Sie, dass rechte Handlungen immer nur Reaktionen sind auf linke oder muslimische Aktivitäten und dass deshalb im Prinzip die Migranten und die Linken Flüchtlingsheime anzünden, weil sie die armen, sehr konservativen Regierungskritiker durch ihr boshaftes Gutmenschentum oder ihre schiere Existenz praktisch dazu gezwungen haben. Ein Anschlag auf ein Flüchtlingsheim ist dann nur die Reaktion eines besorgten, tieftraurigen Bürgers auf die “Flüchtlingswelle”, also nichts als “Notwehr”, der arme Mann.

13. Raunende Opferzweifel

Machen Sie stets den Sloterdijk und werfen Sie Opfern “Übertreibung” und “Alarmismus” vor Blenden Sie störende Fakten, nervige Statistiken oder gar massenhafte Berichte von Betroffenen aus. Lassen Sie gezielt offen, ob nicht die Opfer überhaupt erst durch ihre öffentliche Beschwerde zu den Taten gewissermaßen aufgerufen haben. Raunen Sie prinzipiell, deuten Sie nebulös an, stellen Sie stirnrunzelnde Fragen wie “Cui bono?”, dem Arschgeweih unter den Verschwörungstheorien.

14. Deutungshoheit

Lassen Sie sich nichts von “Experten” oder “Wissenschaftlerinnen” einreden – die Deutungshoheit für ausnahmslos alles liegt bei Ihnen, präziser: Ihrem über Jahrzehnte im Alltag geformten Bauchgefühl. Woher sollte eine schwarze Person etwas über Rassismus wissen, eine Frau mit Kopftuch über antimuslimischen Sexismus oder eine Jüdin über Antisemitismus, wenn doch Ihre Intuition so maßgeblich wie papsthaft untrüglich ist?

15. Rechts-links-Schwäche

Reden Sie niemals über Rechtsextreme, ohne auch Linksextremismus zu erwähnen. Dass in Deutschland Linksextreme meist Autos anzünden und Rechtsextreme Menschen, können Sie übergehen, ist ja beides Gewalt. Behaupten Sie deshalb, dass Linksextreme in Deutschland genauso schlimm seien wie Rechtsextreme. Blenden Sie unbedingt aus,dass seit 1990 rund 200 Menschen durch rechtsextreme Gewalt starben und laut BKA sechs Menschen durch linke.

16. Normalisierung

Behandeln Sie rechtsextreme Positionen als sinnvoll diskutierbare Meinung, am besten mit einem Trick: Tun Sie so, als sei der Verweis auf Menschenrechte bereits eine linke oder gar linksextreme Meinung. Lassen Sie sich nichts einreden – “Menschen zur Abschreckung ertrinken lassen” und “Menschen nicht ertrinken lassen” sind die beiden Extrempositionen, zwischen denen Sie eine vernünftige, gemäßigte Mittelmeinung finden sollten. Tun Sie so, als seien rechtsradikale Parteien demokratisch, weil sie gewählt wurden. Betonen Sie, dass eine Demokratie rechtsextreme Meinungen aushalten muss, aber flippen Sie neun Tage und Nächte lang aus, wenn jemand “Umverteilung” sagt.

17. Migrationsfixierung

Drehen Sie jedes Problem in Richtung Migration, denn dort können Sie die meisten Leute von Ihren rechten Positionen überzeugen. Wohnungsnot? Wegen der Migranten. Klimanotstand? Dann kommen sicher mehr Migranten. Rechtsextremismus? Nur eine hilflose Reaktion auf Migranten. Langsames Internet? Kein Geld für Glasfaser wegen der hohen Ausgaben für Migranten. Ausgeschieden bei einer Fußball-WM? Wegen Migranten in der Mannschaft. Kein Winkelzug ist zu absurd, keine Verbindung zu fragil, keine argumentative Brücke zu brüchig, als dass Sie ihre Migrationsfixierung nicht drübermarschieren lassen könnten.

18. Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Wenn Ihnen kein inhaltliches Argument einfällt, geben Sie sich besorgt um den “gesellschaftlichen Zusammenhalt”. Das verschiebt die Verantwortung auf die Zivilgesellschaft, die sich gegen rechte Umtriebe wehrt, statt Nazis liebevoll zu umarmen um des heiligen Zusammenhalts willen.

19. Neue Nazis

Die einzige Ausnahme von Regel 1 sind sogenannte Neue Nazis. Neue Nazis ist als Begriff extrem flexibel und lässt sich auf alle Gruppen mit einer Meinung links von Hitler anwenden.

20. NSU

Ja, schon eine schlimme Sache, das. Wenn denn alles so stimmen sollte. Gerade, nachdem diese außerirdischen Nazis damals ja “zwölf Jahre üblen Unfug” getrieben haben, vor allem mit uns Deutschen, damals. Zum Glück alles längst vorbei. Waren Einzeltäter. Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.

Die große Weltunordnung

Die große Weltunordnung

Eine Kolumne von Theo Sommer

Nie zuvor hat es in den letzten Jahrzehnten so viel gefährliche Konflikte gegeben wie heute. Das Schlimmste daran: Die Staatenlenker sind nicht in der Lage, sie zu lösen.

Seit über 60 Jahren schreibe ich über Weltpolitik, aber noch nie sind mir die Zeiten so friedlos und heillos vorgekommen wie heute. Die ersten drei Jahrzehnte stand der Ost-West-Konflikt im Zentrum. Nach dessen Ende seit 1989 erwartete ich wie viele andere eine Epoche des Friedens, ungetrübten Wirtschaftswachstums und wachsender Integration der Völker und Staaten. Eine Zeit lang schien die Annäherung zwischen West und Ost auch zu gelingen. Die Globalisierung holte Hunderte Millionen Menschen aus der Armut, zumal in China, doch nicht nur dort. Der sich ausbreitende Wohlstand nährte die Hoffnung auf weltweite Demokratisierung.

Heute wissen wir: Das waren alles Illusionen. Schon vor Putins Besetzung der Krim fiel das Verhältnis zwischen dem Westen und Moskau aufs Neue in einen Abgrund des Misstrauens und der geopolitischen Rivalität. Nach Chinas rasantem wirtschaftlichen Aufstieg ist die ehrgeizige Pekinger Führungselite nun mit dem ökonomischen Gewicht der Volksrepublik in die Weltpolitik eingetreten und bietet den Autoritären rund um den Globus gleichzeitig das Modell eines Kapitalismus ohne Demokratie an. Der dschihadistische Terror bedrohte die gesamte zivilisierte Welt und die Zerwürfnisse in Nah- und Mittelost haben zig Millionen Flüchtlinge außer Landes geführt, viele von ihnen bis zu uns nach Europa. Die Globalisierung destabilisierte die Gesellschaften in den westlichen Industriestaaten und führte gleichzeitig dazu, dass die Konflikte in den fernsten Erdteilen unmittelbar auf uns durchschlagen.

Wer könnte heute noch, wie die Osterspaziergänger in Goethes Faust, froh von sich sagen: “Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg – und Kriegsgeschrei / Wenn hinten, weit, in der Türkei / Die Völker aufeinander schlagen”?

Vorbei die Zeit, ein für allemal. Die Weltwirtschaft schwächelt, manche befürchten, dass aus der gegenwärtigen Konjunkturdelle eine Rezession wird; die fortdauernden Zollscharmützel könnten in einen verheerenden Handelskrieg münden. Die Gewissheiten internationaler Zusammenarbeit werden auch in den politischen Beziehungen immer weniger – in der transatlantischen Gemeinschaft, wo Donald Trump die Verlässlichkeit amerikanischer Partnerschaft untergräbt, doch sogar in der Europäischen Union, wo verblendeter Nationalegoismus die Brexit-Krise heraufbeschwor und anderswo Populismus und Autoritarismus den Zusammenhalt bedrohen.

Die heutige Weltordnung ist eine einzige Weltunordnung. Geopolitische Konflikte sind wieder denkbar geworden. Von Rüstungskontrolle, gar von Abrüstung, ist unter den Großmächten keine Rede mehr, vielmehr rüsten alle ihre Kernwaffenarsenale mit viel Geld auf. Die Weltuntergangsuhr des Bulletin of Atomic Scientists steht auf zwei Minuten vor zwölf – wie im Jahre 1953. “Wir befinden uns in einer Lage, die potenziell gefährlicher ist als zu irgendeinem Zeitpunkt seit dem Ende des Kalten Krieges”, sagte Wolfgang Ischinger, ehemaliger Topdiplomat Deutschlands, auf der von ihm geleiteten Münchner Sicherheitskonferenz.

Konflikte, die nie enden

Die Weltlage? Ein nicht zu gewinnender Krieg in Afghanistan. Gefährliche Instabilität in Irak. Fortdauernder Bürgerkrieg in Syrien. Ein entsetzlicher Krieg im Jemen. Verschärfte Spannungen zwischen Saudi-Arabien und Israel auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite. Keine Palästina-Lösung. Kämpfe rivalisierender Milizen in Libyen. Eine drohende US-Militärintervention in Venezuela. Eine sich zuspitzende Konfrontation zwischen China und den Vereinigten Staaten im Indopazifik, die auch ein Handelsabkommen, über das derzeit verhandelt wird, nicht nachhaltig abmildern würde. In jüngster Zeit zudem die Zuspitzung des Dauerkonflikts der beiden Atommächte Indien und Pakistan über Kaschmir – viermal schon haben sie nach ihrer Unabhängigkeit Krieg miteinander geführt, 1947/48, 1965, 1971 und zuletzt 1999 im Konflikt um die Kaschmirprovinz Kargil.

Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten sechs Jahrzehnten jemals so viele Konflikte gleichzeitig erlebt zu haben – so viele Konflikte außerdem, die nie aufhören, sondern endlos weitergehen. Kriege werden nicht mehr erklärt. Friedensschlüsse sind außer Mode gekommen: Trump hat es in Korea nicht geschafft; die Gespräche mit den afghanischen Taliban ziehen sich hin; in Nahost signalisiert ein Ende von Kampfhandlungen noch lange nicht den Frieden.

 
Dass Schlimmste an dieser heillosen Zeit ist, dass alle Staatenlenker so tief in die Probleme des eigenen Landes verstrickt sind, dass die Lösung der Weltprobleme von ihnen schwerlich zu erwarten ist. Die EU-Führung ist im Übergang, Angela Merkel im Abgang, Emmanuel Macron im Niedergang, die Westminster-Demokratie Großbritanniens wo nicht im Untergang, so doch in der schwersten, an Regierungsunfähigkeit grenzenden Krise ihrer Geschichte; und der amerikanische Präsident ist zu einer wankelmütigen weltpolitischen Größe geworden.

Mehr als einmal habe ich in jüngster Zeit an den Ausspruch des schwedischen Staatsmannes Axel Oxenstierna (1583–1654) denken müssen: “Du weißt nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.” Aber dürfen wir uns wirklich an die Heillosigkeit der Zustände und die Ratlosigkeit und Unfähigkeit der politischen Akteure gewöhnen?

Erschienen am 19. März 2019, 7:41 Uhr in Die Zeit.

Autor : Theo Sommer

https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-03/weltpolitik-globalisierung-weltwirtschaft-kriege-krisen-populismus-5vor8

Ohne Smartphone in die Schule – ja, das geht

Ohne Smartphone in die Schule – ja, das geht

An Frankreichs Schulen sind Handys seit September verboten. Und das funktioniert erstaunlich gut. Die Schüler spielen wieder mehr, mobben weniger und sind konzentrierter.

Nach Jahren der Stille ist es auf dem Schulhof des südfranzösischen Collèges Paul Langevin wieder laut. Am Tag, als die Handys verboten wurden, fingen die Schülerinnen und Schüler wieder an, über den Hof zu rennen, Fangen zu spielen, lauthals zu quatschen. Und inzwischen, so erzählt es der Schulleiter Eric Clausen mit ernstem Erstaunen, spielten die Schüler sogar wieder Karten. “Wahnsinn. Das haben wir hier seit Jahren nicht mehr gesehen.” Seine weiterführende Schule liegt in der Arbeiterstadt Carros, 20 Kilometer nördlich von Nizza.

Der Pariser Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hat das Handyverbot frankreichweit erlassen. Blanquer wollte, dass die Heranwachsenden in den Unterrichtspausen wieder miteinander spielen und dass sie einander seltener über WhatsApp, Facebook oder Instagram mobben. “Es ist heute friedlicher bei uns”, sagt Rektor Claussen. Früher hätten sich manche Schüler über die sozialen Netzwerke in den Pausen beschimpft und wären verärgert und beleidigt zu den Kursen gekommen.

Laut Claussen profitieren auch die Lehrer vom Verbot. “Früher verharrten die Jugendlichen in der Pause bewegungslos über ihren Handyspielen – in der Klasse waren sie dann kribbelig und unkonzentriert.” Durch das Verbot nehme auch der Druck auf ärmere Familien ab, Geld für das neueste Handy oder das angesagte Spiel auszugeben, sagt Claussen.

Die Handynutzung ist in allen sozialen Schichten ähnlich problematisch

Sein Collège liegt zwar nicht weit von den Côte-d’Azur-Städten Nizza und Cannes entfernt, Carros ist aber alles andere als glamourös: Hier liegt die größte Industriezone der Region. In der Neustadt türmen sich graue Siebzigerjahrewohnburgen. Nur weiter oben am Hang, Richtung Altstadt, finden sich größere Villen und wohlhabende Familien. Gehen die benachteiligten und privilegierten Kinder noch jeweils in getrennte Grundschulen, so mischen sie sich anschließend im einzigen Collège der Stadt. Allerdings sei die Handynutzung in allen sozialen Schichten ähnlich, sagt Rektor Claussen. “Der ungehemmte Konsum ist in allen Familien gleich problematisch.”

Das Handyverbot hat hitzige Debatten ausgelöst. Der Philosoph und Mathematiker Gilles Dowek findet es lächerlich, Handys aus der Schule zu verbannen, und schreibt in der Le Monde, man solle doch besser “Kulis und Bleistifte verbieten”, denn damit würden die Schülerinnen und Schüler später sicherlich nicht arbeiten. Andere Kulturwissenschaftler und Pädagogen setzten ihm entgegen, wer nicht vernünftig mit einem Stift umgehen könne, der habe auch Schwierigkeiten, seine Gedanken schriftlich zu ordnen und sich zu konzentrieren. Allerdings, so ist den meisten Berichten zu entnehmen, mischen sich die französischen Schulen in die Expertenstreits kaum ein: Das Gesetz wird einfach umgesetzt – und hat den Alltag der Jugendlichen verändert.

Ein Schüler in Paris macht ein Selfie von sich und seinen Prüfungsergebnissen.

Ein Schüler in Paris macht ein Selfie von sich und seinen Prüfungsergebnissen. © Eric FeferbergAFP/Getty Images

Denn Schule füllt den Tag der meisten französischen Schüler aus. Der Unterricht endet generell erst um 16.30 Uhr, viele gehen anschließend noch in die garderie, also zum betreuten Spielen oder Hausarbeitenmachen. Die Befürchtung vieler Gewerkschaften, Lehrer müssten morgens am Eingangstor Hunderte Handys einsammeln und in Tresore verpacken, war unbegründet. Die meisten Schulen haben sich für eine weit einfachere Variante entschieden: Schülerinnen und Schüler müssen ihr Telefon selbst ausmachen, und es so verstauen, dass es nicht mehr zu sehen ist. Bis zum Unterrichtsende darf es nicht einmal mehr in die Hand genommen werden.

Die Pausenhöfe sind im Vergleich zu den deutschen sehr trist

Frankreich geht damit weiter als seine Nachbarländer. In Deutschland hat bislang nur das Bundesland Bayern seit 2006 Handys in seinen Schulen verboten. Der damalige Schulminister reagierte auf Mobbingfälle auf dem Pausenhof, bei denen Schüler verprügelt und dabei gefilmt wurden. In allen anderen Bundesländern können die Schulen allerdings über eigene Hausordnungen Handys verbieten oder ihren Gebrauch beschränken.

Ob das Cybermobbing in Frankreich wirklich zurückgeht, kann das Pariser Bildungsministerium noch nicht bewerten. Nach seinen Schätzungen leidet jeder zehnte Schüler und jede zehnte Schülerin unter abschätzigen Kommentaren und herabwürdigen Fotos im Netz – und damit in der Regel auf dem Telefon. Dagegen hatte Frankreich schon 2017 eine Telefonhotline und einen nationalen Sensibilisierungstag an den Schulen eingeführt. Auch Lehrende werden dazu ausgebildet, über Mobbing in den Klassen zu sprechen und auf hilfesuchende Kinder richtig zu reagieren. Für Rektor Claussen steht fest: Ohne Telefon haben die auf Facebook und Co gemobbten Schülerinnen und Schüler wenigstens eine Ruhepause. Nach dem letzten Klingeln aber entlässt das Collège die Kinder wieder in die Handyzeit: Kaum aus dem mannshohen Eisentor getreten, kramen nahezu alle in ihrer Tasche, um die nächste Nachricht zu schreiben.

Neun Stunden Pause vom Handy

Claussen zuckt mit den Schultern. “Wir hoffen, dass sie von der mindestens neun Stunden langen Pause profitieren und auch anschließend weniger Zeit im Internet verplempern”, sagt der Rektor. Sein Kollegium habe lange mit sich gerungen, die Telefone komplett zu verbieten – das Pariser Gesetz habe es ihm nun erleichtert. Auch vor den Schülern.

Tatsächlich halten sich seine 800 Schützlinge bislang an das Verbot. Auch die Sorge der Lehrkräfte, die Kinder könnten heimlich auf den Toiletten chatten, hat sich nicht bestätigt – offenbar kommen alle so schnell aus den Kabinen wieder hervor wie zuvor. In Claussens dickem blauen Ordner, den er extra für die Schüler angelegt hat, die sich nicht ans Verbot halten, finden sich fünf Wochen nach Schulbeginn nur vier Einträge. Vier Telefone wurden konfisziert, weil sie während des Unterrichts geklingelt haben. Lustigerweise waren es vor allem Mütter oder Väter, die ihre Kinder anrufen wollten. “Die Eltern meinen, ihre Kinder seien in Gefahr, wenn sie nicht permanent zu sprechen sind. Das ist natürlich Unsinn”, sagt Claussen. Alle Eltern könnten jederzeit das Sekretariat erreichen und die Schüler könnten sich an Lehrer wenden, wenn sie dringend nach Hause telefonieren müssten.

Das Handyverbot ist also insgesamt in Frankreich erstaunlich lautlos in Kraft getreten. In Deutschland fordern Lehrerverbände, Gewerkschaften und Bildungsexperten häufig, Handys an Schulen nicht zu verteufeln, unter anderem weil die Schulen oft noch schlecht ausgestattet sind mit Computern oder Tablets.

Tatsächlich arbeiten die französischen Schulen häufiger digital als die deutschen. Computer für alle gibt es zumindest an den meisten Schulen in den sozialen Brennpunkten. Seit 2016 liefert das Bildungsministerium digitale Lernprogramme, die alle Lehrer im Unterricht nutzen können. Und schon Erstklässler machen Übungen auf Tablets. Zeugnisse werden per Email versandt, Lehrerinnen und Lehrer binden Fotos und Berichte in einem digitalen Fotoband ein.

Nun wollen die französischen Schulen noch dafür sorgen, dass die Schüler auch ohne ihre Handys mehr Spaß in den Pausen haben. Bislang sind die Pausenhöfe im Vergleich zu den deutschen sehr trist. Der graue Betonbau des Collège Paul Langevin in Carros ist vierstöckig, der Hof gleicht einem Parkplatz: Keine Pflanze, kein Spielgerät, keine Bänke verschönern die Betonfläche. Das soll sich nun ändern. Das Kollegium hat sich dafür entschieden, das freie Budget in diesem Jahr für Softbälle und kleine Sportgeräte auszugeben.

Eine Reportage von Annika Joeres, Carros

https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2018-10/handyverbot-frankreich-schule-bildung/komplettansicht

Eine Branche stirbt: Nur noch 600 Videotheken in Deutschland

Eine Branche stirbt: Nur noch 600 Videotheken in Deutschland

Zuerst boten sie VHS, seit den 90ern die DVD, zuletzt die Bluray – so machten Videotheken gute Geschäfte. Das ist lange her – die Gegenwart nur noch düster.

Der Kunde ist entsetzt. “Dreißig Jahre – und jetzt macht ihr dicht?”, fragt der Endvierziger die Mitarbeiterin einer Videothek in Köln. Die nickt wortlos. Der Kunde geht die Regale entlang, jede DVD kostet einen Euro – nicht pro Verleihtag, sondern zum Kauf. Der Restbestand wird also verramscht, die Videothek ist kurz vor der Schließung – nach drei Jahrzehnten Verleihtätigkeit. Aufgewühlt führt der langjährige Kunde ein Selbstgespräch. “Ist alles nur noch Streaming heute, ist nicht mehr wie früher”, sagt er kopfschüttelnd. “Hier in den Regalen? Alte DVDs, die leiht keiner mehr.”

Das Beispiel der Kölner Ausleih-Filiale der Kette Videotaxi ist Teil eines seit Jahren andauernden Trends – bundesweit macht eine Videothek nach der anderen dicht, der Strukturwandel nimmt Fahrt auf. Die Firmen selbst halten sich mit Erklärungen zurück – von Videotaxi heißt es, man könne derzeit keine Fragen beantworten. Video World äußert sich ebenfalls nicht auf Anfrage. Was sollen sie auch sagen – dass sie gegen die Konkurrenz von Online-Diensten wie Amazon Prime, Netflix oder iTunes nun mal keine Chance haben und wie aus der Zeit gefallen wirken?

Ein Absturz in Zahlen

Gesamtzahlen zur Branche gibt es vom Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD). Der Abwärtstrend ist weiterhin rasant: Die Kundenzahl sank den Angaben zufolge von 2015 bis 2017 von 4,8 Millionen auf 2,6 Millionen, die Vermietvorgänge für Spielfilme brachen um mehr als die Hälfte von 68 Millionen auf 31 Millionen jährlich ein.

Die Preise stiegen zwar leicht, der Einbruch der Erlöse konnte damit aber nicht gestoppt werden: Fuhren die Videotheken hierzulande 2015 mit dem Spielfilm-Verleih noch einen Umsatz von 165 Millionen Euro ein, lag er 2017 nur noch bei 84 Millionen Euro. Die Zahl der Videotheken wiederum sank von 2016 bis 2017 von rund 900 auf 600. Heißt: In einem Jahr hat jede dritte Verleihstation dichtgemacht. Vor zehn Jahren waren es noch rund 3000.

Der Branchenverband IVD sieht weiterhin vor allem die Piraterie als Wurzel des geschäftlichen Übels – es werde zu wenig getan gegen illegale Downloads und Abrufe im Internet. “Ohne eine stärkere Bekämpfung der Piraterie wird es nicht wieder aufwärts gehen”, moniert Jörg Weinrich, Geschäftsführender Vorstand vom IVD. Ähnlich hatte er sich bereits 2014 geäußert – damals gab es noch weit über 1000 Videotheken.

Konkurrenz im Internet

Andere Experten halten hingegen die Internet-Konkurrenz für den Hauptgrund des Niedergangs. Florian Kerkau von der Strategieberatung Goldmedia sagt, durch die Online-Anbieter hätten stationäre Verleiher ihre Existenzberechtigung am Markt verloren. “Das Geschäftsmodell der Videotheken wurde eins zu eins ins Internet übertragen – anstatt in ein Geschäft zu gehen, eine DVD auszuleihen und später zurückbringen zu müssen, reichen heute ein paar Klicks.”

Hermann-Dieter Schröder vom Hans-Bredow-Institut an der Hamburger Universität sieht es ähnlich. “Videotheken werden durch Online-Dienste substituiert”, sagt er. Früher sei ihr Vorteil gewesen, dass Konsumenten den Zeitpunkt für eine Filmsichtung selbst wählen konnten, unabhängig vom Fernsehprogramm. “Durch das Internet ist das zur Selbstverständlichkeit geworden.” Und die Perspektiven? “Bleiben düster”, sagt Experte Kerkau. “Der Videothekenmarkt wird in der Bedeutungslosigkeit versinken.” Fachmann Schröder meint gar, in 10 Jahren werde die Zahl der Videotheken in Deutschland gegen null tendieren. “Die Branche liegt im Sterben.”

Die Videothek als unabhängiges Kulturangebot

Ein Videothekenbesitzer meldet sich dann doch noch zu Wort: Silvio Neubauer setzt in seiner Filmgalerie Berlin auf ein künstlerisch anspruchsvolles Programm und hat sich damit einen Namen gemacht. Vor dem Abwärtssog hat ihn das aber nicht bewahrt – seit 2008 sank der Umsatz um 70 Prozent. “Ohne drastisches Sparen bei Raumkosten und Personal sowie ein gerütteltes Maß an Selbstausbeutung würden wir […] nicht mehr existieren”, sagt Neubauer.

Er rümpft die Nase über die Streaming-Konkurrenz, die “inhaltlich schwachbrüstig” sei. Deren “Leitbild eines algorithmisch hochgezüchteten Kommerzangebotes” sei schlecht für das kulturelle Angebot – “mit langfristig schwer abschätzbaren Schäden auch im Bereich der Bildung”. 27.000 Titel zählt die Mediensammlung der Filmgalerie, die will Neubauer auch künftig erhalten. Aber wie? Er nennt den Staat: Nach seiner Überzeugung sind Videotheken für ein unabhängiges Kulturangebot enorm wichtig – für ihren Erhalt könnten Fördermodelle “vielleicht der einzige Ausweg sein”.

von Wolf von Dewitz, dpa