Die große Weltunordnung

Die große Weltunordnung

Eine Kolumne von Theo Sommer

Nie zuvor hat es in den letzten Jahrzehnten so viel gefährliche Konflikte gegeben wie heute. Das Schlimmste daran: Die Staatenlenker sind nicht in der Lage, sie zu lösen.

Seit über 60 Jahren schreibe ich über Weltpolitik, aber noch nie sind mir die Zeiten so friedlos und heillos vorgekommen wie heute. Die ersten drei Jahrzehnte stand der Ost-West-Konflikt im Zentrum. Nach dessen Ende seit 1989 erwartete ich wie viele andere eine Epoche des Friedens, ungetrübten Wirtschaftswachstums und wachsender Integration der Völker und Staaten. Eine Zeit lang schien die Annäherung zwischen West und Ost auch zu gelingen. Die Globalisierung holte Hunderte Millionen Menschen aus der Armut, zumal in China, doch nicht nur dort. Der sich ausbreitende Wohlstand nährte die Hoffnung auf weltweite Demokratisierung.

Heute wissen wir: Das waren alles Illusionen. Schon vor Putins Besetzung der Krim fiel das Verhältnis zwischen dem Westen und Moskau aufs Neue in einen Abgrund des Misstrauens und der geopolitischen Rivalität. Nach Chinas rasantem wirtschaftlichen Aufstieg ist die ehrgeizige Pekinger Führungselite nun mit dem ökonomischen Gewicht der Volksrepublik in die Weltpolitik eingetreten und bietet den Autoritären rund um den Globus gleichzeitig das Modell eines Kapitalismus ohne Demokratie an. Der dschihadistische Terror bedrohte die gesamte zivilisierte Welt und die Zerwürfnisse in Nah- und Mittelost haben zig Millionen Flüchtlinge außer Landes geführt, viele von ihnen bis zu uns nach Europa. Die Globalisierung destabilisierte die Gesellschaften in den westlichen Industriestaaten und führte gleichzeitig dazu, dass die Konflikte in den fernsten Erdteilen unmittelbar auf uns durchschlagen.

Wer könnte heute noch, wie die Osterspaziergänger in Goethes Faust, froh von sich sagen: “Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg – und Kriegsgeschrei / Wenn hinten, weit, in der Türkei / Die Völker aufeinander schlagen”?

Vorbei die Zeit, ein für allemal. Die Weltwirtschaft schwächelt, manche befürchten, dass aus der gegenwärtigen Konjunkturdelle eine Rezession wird; die fortdauernden Zollscharmützel könnten in einen verheerenden Handelskrieg münden. Die Gewissheiten internationaler Zusammenarbeit werden auch in den politischen Beziehungen immer weniger – in der transatlantischen Gemeinschaft, wo Donald Trump die Verlässlichkeit amerikanischer Partnerschaft untergräbt, doch sogar in der Europäischen Union, wo verblendeter Nationalegoismus die Brexit-Krise heraufbeschwor und anderswo Populismus und Autoritarismus den Zusammenhalt bedrohen.

Die heutige Weltordnung ist eine einzige Weltunordnung. Geopolitische Konflikte sind wieder denkbar geworden. Von Rüstungskontrolle, gar von Abrüstung, ist unter den Großmächten keine Rede mehr, vielmehr rüsten alle ihre Kernwaffenarsenale mit viel Geld auf. Die Weltuntergangsuhr des Bulletin of Atomic Scientists steht auf zwei Minuten vor zwölf – wie im Jahre 1953. “Wir befinden uns in einer Lage, die potenziell gefährlicher ist als zu irgendeinem Zeitpunkt seit dem Ende des Kalten Krieges”, sagte Wolfgang Ischinger, ehemaliger Topdiplomat Deutschlands, auf der von ihm geleiteten Münchner Sicherheitskonferenz.

Konflikte, die nie enden

Die Weltlage? Ein nicht zu gewinnender Krieg in Afghanistan. Gefährliche Instabilität in Irak. Fortdauernder Bürgerkrieg in Syrien. Ein entsetzlicher Krieg im Jemen. Verschärfte Spannungen zwischen Saudi-Arabien und Israel auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite. Keine Palästina-Lösung. Kämpfe rivalisierender Milizen in Libyen. Eine drohende US-Militärintervention in Venezuela. Eine sich zuspitzende Konfrontation zwischen China und den Vereinigten Staaten im Indopazifik, die auch ein Handelsabkommen, über das derzeit verhandelt wird, nicht nachhaltig abmildern würde. In jüngster Zeit zudem die Zuspitzung des Dauerkonflikts der beiden Atommächte Indien und Pakistan über Kaschmir – viermal schon haben sie nach ihrer Unabhängigkeit Krieg miteinander geführt, 1947/48, 1965, 1971 und zuletzt 1999 im Konflikt um die Kaschmirprovinz Kargil.

Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten sechs Jahrzehnten jemals so viele Konflikte gleichzeitig erlebt zu haben – so viele Konflikte außerdem, die nie aufhören, sondern endlos weitergehen. Kriege werden nicht mehr erklärt. Friedensschlüsse sind außer Mode gekommen: Trump hat es in Korea nicht geschafft; die Gespräche mit den afghanischen Taliban ziehen sich hin; in Nahost signalisiert ein Ende von Kampfhandlungen noch lange nicht den Frieden.

 
Dass Schlimmste an dieser heillosen Zeit ist, dass alle Staatenlenker so tief in die Probleme des eigenen Landes verstrickt sind, dass die Lösung der Weltprobleme von ihnen schwerlich zu erwarten ist. Die EU-Führung ist im Übergang, Angela Merkel im Abgang, Emmanuel Macron im Niedergang, die Westminster-Demokratie Großbritanniens wo nicht im Untergang, so doch in der schwersten, an Regierungsunfähigkeit grenzenden Krise ihrer Geschichte; und der amerikanische Präsident ist zu einer wankelmütigen weltpolitischen Größe geworden.

Mehr als einmal habe ich in jüngster Zeit an den Ausspruch des schwedischen Staatsmannes Axel Oxenstierna (1583–1654) denken müssen: “Du weißt nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.” Aber dürfen wir uns wirklich an die Heillosigkeit der Zustände und die Ratlosigkeit und Unfähigkeit der politischen Akteure gewöhnen?

Erschienen am 19. März 2019, 7:41 Uhr in Die Zeit.

Autor : Theo Sommer

https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-03/weltpolitik-globalisierung-weltwirtschaft-kriege-krisen-populismus-5vor8

Ohne Smartphone in die Schule – ja, das geht

Ohne Smartphone in die Schule – ja, das geht

An Frankreichs Schulen sind Handys seit September verboten. Und das funktioniert erstaunlich gut. Die Schüler spielen wieder mehr, mobben weniger und sind konzentrierter.

Nach Jahren der Stille ist es auf dem Schulhof des südfranzösischen Collèges Paul Langevin wieder laut. Am Tag, als die Handys verboten wurden, fingen die Schülerinnen und Schüler wieder an, über den Hof zu rennen, Fangen zu spielen, lauthals zu quatschen. Und inzwischen, so erzählt es der Schulleiter Eric Clausen mit ernstem Erstaunen, spielten die Schüler sogar wieder Karten. “Wahnsinn. Das haben wir hier seit Jahren nicht mehr gesehen.” Seine weiterführende Schule liegt in der Arbeiterstadt Carros, 20 Kilometer nördlich von Nizza.

Der Pariser Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hat das Handyverbot frankreichweit erlassen. Blanquer wollte, dass die Heranwachsenden in den Unterrichtspausen wieder miteinander spielen und dass sie einander seltener über WhatsApp, Facebook oder Instagram mobben. “Es ist heute friedlicher bei uns”, sagt Rektor Claussen. Früher hätten sich manche Schüler über die sozialen Netzwerke in den Pausen beschimpft und wären verärgert und beleidigt zu den Kursen gekommen.

Laut Claussen profitieren auch die Lehrer vom Verbot. “Früher verharrten die Jugendlichen in der Pause bewegungslos über ihren Handyspielen – in der Klasse waren sie dann kribbelig und unkonzentriert.” Durch das Verbot nehme auch der Druck auf ärmere Familien ab, Geld für das neueste Handy oder das angesagte Spiel auszugeben, sagt Claussen.

Die Handynutzung ist in allen sozialen Schichten ähnlich problematisch

Sein Collège liegt zwar nicht weit von den Côte-d’Azur-Städten Nizza und Cannes entfernt, Carros ist aber alles andere als glamourös: Hier liegt die größte Industriezone der Region. In der Neustadt türmen sich graue Siebzigerjahrewohnburgen. Nur weiter oben am Hang, Richtung Altstadt, finden sich größere Villen und wohlhabende Familien. Gehen die benachteiligten und privilegierten Kinder noch jeweils in getrennte Grundschulen, so mischen sie sich anschließend im einzigen Collège der Stadt. Allerdings sei die Handynutzung in allen sozialen Schichten ähnlich, sagt Rektor Claussen. “Der ungehemmte Konsum ist in allen Familien gleich problematisch.”

Das Handyverbot hat hitzige Debatten ausgelöst. Der Philosoph und Mathematiker Gilles Dowek findet es lächerlich, Handys aus der Schule zu verbannen, und schreibt in der Le Monde, man solle doch besser “Kulis und Bleistifte verbieten”, denn damit würden die Schülerinnen und Schüler später sicherlich nicht arbeiten. Andere Kulturwissenschaftler und Pädagogen setzten ihm entgegen, wer nicht vernünftig mit einem Stift umgehen könne, der habe auch Schwierigkeiten, seine Gedanken schriftlich zu ordnen und sich zu konzentrieren. Allerdings, so ist den meisten Berichten zu entnehmen, mischen sich die französischen Schulen in die Expertenstreits kaum ein: Das Gesetz wird einfach umgesetzt – und hat den Alltag der Jugendlichen verändert.

Ein Schüler in Paris macht ein Selfie von sich und seinen Prüfungsergebnissen.

Ein Schüler in Paris macht ein Selfie von sich und seinen Prüfungsergebnissen. © Eric FeferbergAFP/Getty Images

Denn Schule füllt den Tag der meisten französischen Schüler aus. Der Unterricht endet generell erst um 16.30 Uhr, viele gehen anschließend noch in die garderie, also zum betreuten Spielen oder Hausarbeitenmachen. Die Befürchtung vieler Gewerkschaften, Lehrer müssten morgens am Eingangstor Hunderte Handys einsammeln und in Tresore verpacken, war unbegründet. Die meisten Schulen haben sich für eine weit einfachere Variante entschieden: Schülerinnen und Schüler müssen ihr Telefon selbst ausmachen, und es so verstauen, dass es nicht mehr zu sehen ist. Bis zum Unterrichtsende darf es nicht einmal mehr in die Hand genommen werden.

Die Pausenhöfe sind im Vergleich zu den deutschen sehr trist

Frankreich geht damit weiter als seine Nachbarländer. In Deutschland hat bislang nur das Bundesland Bayern seit 2006 Handys in seinen Schulen verboten. Der damalige Schulminister reagierte auf Mobbingfälle auf dem Pausenhof, bei denen Schüler verprügelt und dabei gefilmt wurden. In allen anderen Bundesländern können die Schulen allerdings über eigene Hausordnungen Handys verbieten oder ihren Gebrauch beschränken.

Ob das Cybermobbing in Frankreich wirklich zurückgeht, kann das Pariser Bildungsministerium noch nicht bewerten. Nach seinen Schätzungen leidet jeder zehnte Schüler und jede zehnte Schülerin unter abschätzigen Kommentaren und herabwürdigen Fotos im Netz – und damit in der Regel auf dem Telefon. Dagegen hatte Frankreich schon 2017 eine Telefonhotline und einen nationalen Sensibilisierungstag an den Schulen eingeführt. Auch Lehrende werden dazu ausgebildet, über Mobbing in den Klassen zu sprechen und auf hilfesuchende Kinder richtig zu reagieren. Für Rektor Claussen steht fest: Ohne Telefon haben die auf Facebook und Co gemobbten Schülerinnen und Schüler wenigstens eine Ruhepause. Nach dem letzten Klingeln aber entlässt das Collège die Kinder wieder in die Handyzeit: Kaum aus dem mannshohen Eisentor getreten, kramen nahezu alle in ihrer Tasche, um die nächste Nachricht zu schreiben.

Neun Stunden Pause vom Handy

Claussen zuckt mit den Schultern. “Wir hoffen, dass sie von der mindestens neun Stunden langen Pause profitieren und auch anschließend weniger Zeit im Internet verplempern”, sagt der Rektor. Sein Kollegium habe lange mit sich gerungen, die Telefone komplett zu verbieten – das Pariser Gesetz habe es ihm nun erleichtert. Auch vor den Schülern.

Tatsächlich halten sich seine 800 Schützlinge bislang an das Verbot. Auch die Sorge der Lehrkräfte, die Kinder könnten heimlich auf den Toiletten chatten, hat sich nicht bestätigt – offenbar kommen alle so schnell aus den Kabinen wieder hervor wie zuvor. In Claussens dickem blauen Ordner, den er extra für die Schüler angelegt hat, die sich nicht ans Verbot halten, finden sich fünf Wochen nach Schulbeginn nur vier Einträge. Vier Telefone wurden konfisziert, weil sie während des Unterrichts geklingelt haben. Lustigerweise waren es vor allem Mütter oder Väter, die ihre Kinder anrufen wollten. “Die Eltern meinen, ihre Kinder seien in Gefahr, wenn sie nicht permanent zu sprechen sind. Das ist natürlich Unsinn”, sagt Claussen. Alle Eltern könnten jederzeit das Sekretariat erreichen und die Schüler könnten sich an Lehrer wenden, wenn sie dringend nach Hause telefonieren müssten.

Das Handyverbot ist also insgesamt in Frankreich erstaunlich lautlos in Kraft getreten. In Deutschland fordern Lehrerverbände, Gewerkschaften und Bildungsexperten häufig, Handys an Schulen nicht zu verteufeln, unter anderem weil die Schulen oft noch schlecht ausgestattet sind mit Computern oder Tablets.

Tatsächlich arbeiten die französischen Schulen häufiger digital als die deutschen. Computer für alle gibt es zumindest an den meisten Schulen in den sozialen Brennpunkten. Seit 2016 liefert das Bildungsministerium digitale Lernprogramme, die alle Lehrer im Unterricht nutzen können. Und schon Erstklässler machen Übungen auf Tablets. Zeugnisse werden per Email versandt, Lehrerinnen und Lehrer binden Fotos und Berichte in einem digitalen Fotoband ein.

Nun wollen die französischen Schulen noch dafür sorgen, dass die Schüler auch ohne ihre Handys mehr Spaß in den Pausen haben. Bislang sind die Pausenhöfe im Vergleich zu den deutschen sehr trist. Der graue Betonbau des Collège Paul Langevin in Carros ist vierstöckig, der Hof gleicht einem Parkplatz: Keine Pflanze, kein Spielgerät, keine Bänke verschönern die Betonfläche. Das soll sich nun ändern. Das Kollegium hat sich dafür entschieden, das freie Budget in diesem Jahr für Softbälle und kleine Sportgeräte auszugeben.

Eine Reportage von Annika Joeres, Carros

https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2018-10/handyverbot-frankreich-schule-bildung/komplettansicht

“Unsere Überschüsse machen uns kaputt”

“Unsere Überschüsse machen uns kaputt”

Melkkarussel. Bild: © Thomas Fries / CC BY-SA 3.0 DE

Die globalisierte Milchwirtschaft quält nicht nur Tiere, sondern beutet auch Menschen in und außerhalb Europas aus

Seit Jahrzehnten wird in der industriellen Milchviehhaltung zu viel Milch erzeugt. Milch muss so günstig wie möglich produziert werden – zu stets sinkenden Preisen. Weil sie gezwungen sind, mit minimalem Aufwand maximale Leistungen aus den Milchkühen herauszuholen, sind die meisten Milchviehbetriebe in den EU-Ländern am Limit angekommen.

Oft hoch verschuldet versuchen Milchbauern über die Produktion von immer größeren Milchmengen möglichst kostendeckend zu arbeiten: Mit immer größeren Anlagen, immer mehr Technik und immer mehr Tieren pro Betrieb. Im November 2016 gab es dem Statistischen Bundesamt zufolge hierzulande 4,22 Millionen Milchkühe, zwei Jahre zuvor waren es noch 4,3 Millionen.

Obwohl sich die Anzahl der Tiere leicht verringert hat, bleiben die in der EU produzierten Milchmengen unverändert hoch. Das geht nur, weil eine moderne Kuh immer mehr Milch gibt. Großrahmig und mager muss sie sein und ein möglichst großes Euter haben, das sich bequem maschinell melken lässt.

Ein Betrieb in Süddeutschland beispielsweise melkt um die 300 Milchkühe. Damit gehört er eher zu den mittelgroßen. Früher habe man 100 Kühe auf die Weide geschickt, berichtet die Bäuerin im Interview mit dem Dokumentarfilmer Andreas Pichler.

Um 300 Kühe auf die Weide zu treiben, dafür wäre der Aufwand zu hoch, weshalb die Tiere heute im Stall bleiben. Nur mit Hilfe modernster Technik kann die Familie die Arbeit bewältigen. Auf die Milchpreise haben die Bauern keinen Einfluss.

“Im Januar 2018 kosteten 100 Kilogramm Kuhmilch ab Hof netto 36,74 Euro”, heißt es bei Statista. Der Preis für ein Liter liegt bei etwa 37 Cent. Umsteiger auf Bio-Produktion beklagen im März 2018, dass der Grundpreis für Milch aus konventioneller Produktion zu 30 Cent pro Liter tendiert . Da müsse mein sein eigenes Geld mitbringen.

Um kostendeckend zu arbeiten, sind mindestens 40 Cent nötig. Vor dem Hintergrund eines massiven Strukturwandels waren tausende Milchbauernhöfe während der letzten Jahrzehnte gezwungen, ihre Betriebe aufzugeben.

Glaubt man der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI), so war beispielsweise die Zahl der Höfe zu Beginn des Jahres 2017 gegenüber dem Vorjahr bundesweit um 5,6 Prozent geschrumpft. Den restlichen Milchbauern bleibt nur die Hoffnung, dass die Preise irgendwann doch steigen.

Freier Markt mit sinkenden Preisen

Die Molkereien sind die entscheidenden Schnittstellen zwischen Produzenten und Konsumenten. Ursprünglich genossenschaftlich organisiert, ist vom sozialen Aspekt der gemeinschaftlichen Vermarktung heute wenig übrig – zum Beispiel beim Unternehmen Arla Foods. Vor 130 Jahren schlossen sich Milchbauern in Dänemark und Schweden zusammen, um ihre Molkereierzeugnisse gemeinsam zu vermarkten.

Im Laufe der Zeit wurde aus einer kleinen Molkerei ein Milch verarbeitender Konzern, der nach und nach alle kleineren Molkereien schluckte. Mit ihnen verschwanden die Bauern: Gab es 1987 in Dänemark um die 37.000 Landwirte, die rund 5,5 Milliarden Liter Milch produzierten, wird dieselbe Milchmenge heute von nur noch 3.500 Bauern erzeugt.

So betreibt ein moderner dänischer Agrarunternehmer nicht selten sechs Höfe mit mehr als 700 Kühen. Eine Kuh wird natürlicherweise um die zwanzig Jahre alt, Hochleistungskühe leben höchstens fünf Jahre. Nachdem sie zum ersten Mal gekalbt haben, wird in den drei letzten Lebensjahren ein Maximum an Milch aus ihnen herausgepresst.

Weil die Kühe nur Milch geben, wenn sie jedes Jahr ein Kalb bekommen, werden sie kurz nach jeder Kalbung wieder künstlich besamt. Ohne Kalb keine Milch – ohne Milch keine Existenzberechtigung. Oft sind die Preise so niedrig, dass die Futterkosten nicht gedeckt werden können. Dann werden die Kälber getötet und auf den Müll geworfen. Aufgezogen werden überhaupt nur weibliche Kälber, die Bullenkälber werden nach der Geburt an den Viehhändler verkauft.

Kleine Milchbauern sind die Verlierer

Die verarbeitende Industrie braucht Milch als billiges Material. Für sie muss Milch immer im Überschuss verfügbar sein. Vor allem über Dumpingpreise können die Molkereien die Bauern unter Druck setzen, denn woanders können sie Milch immer noch billiger einkaufen. Diese wird zu Produkten zu verarbeitet, die dann in den Discountern zu Niedrigstpreisen verramscht werden.

Wie konnte es dazu kommen? Zu Beginn der 1980er Jahre führte man die Milchquote ein, um die Überproduktion von Milch – “Milchseen” und “Butterberge” – zu stoppen. Dreißig Jahre später, im April 2015 wurde die Quote wieder abgeschafft.

Denn die auf Export ausgerichtete Agrarindustrie wollte den freien Markt ohne Mengenbegrenzungen. Seither darf jeder Bauer so viel Milch produzieren, wie er will. Mit dem Ergebnis, dass die Preise sinken: Inzwischen hat jeder zweite Milchbauer seinen Betrieb aufgegeben und seine Kühe und Rinder schlachten lassen.

So sank die Zahl der deutschen Milchviehbetriebe während der vergangenen 15 Jahren von 140.000 auf weit unter 70.000.

Konzerne kämpfen um globalen Milchmarkt

In Brüssel wird entschieden, wie die Gelder verteilt werden. Aktuell fließen 45 Milliarden Euro – mit 40 Prozent der größte Posten im Haushalt der EU – in die europäische Landwirtschaft. Doch von den so genannten Flächenprämien profitieren in erster Linie die größten Agrarbetriebe mit den meisten Flächen.

In Europa verkaufen die größten Konzerne jährlich nahezu 200 Millionen Tonnen Milch und Milchpulver. Dabei geht es um einen Markt von 100 Milliarden Euro. Die mächtigsten Akteure auf dem Milchmarkt sind Nestlé (Schweiz) und Danone (Frankreich). In Deutschland gehören das Deutsche Milchkontor (DMK) und die Müller-Gruppe zu den führenden Molkereien.

Die Lobby-Verbände der Agrarindustrie vertreten in Brüssel nur zehn Prozent der europäischen Bauern und zwar jene, die immer moderner, industrieller und effizienter arbeiten. Die anderen, kleineren Betriebe bleiben auf der Strecke.

Die Lebensmittelindustrie inklusive Einzelhandel mit einem Gesamtumsatz von 1,4 Billionen Euro ist der größte Wirtschaftszweig. Lebensmittelgiganten wie Nestlé und Danone werden in Brüssel durch Food Drink Europe vertreten. So wollen die dänische ArlaFoods und die niederländische FrieslandCampina nicht nur in Deutschland, sondern auf den globalisierten Märkten auch außerhalb Europas Kunden gewinnen.

Neue Wachstumsmärkte in China

Zwar ist der europäische Markt längst gesättigt, doch die Landwirtschaft muss immer weiter wachsen. Warum ist das so? Um das Jahr 2000 seien der Agrarmarkt und Finanzmärkte liberalisiert worden, erklärt Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen, im Interview mit dem Dokumentarfilmer Andreas Pichler.

Die europäische Agrarpolitik, die damals stark reglementiert war, sollte dem Weltmarkt geöffnet werden. Seitdem erhält der Landwirt Direktzahlungen und darf produzieren, was er will. Anstatt die die 13 Millionen in Europa zu unterstützen, investieren europäische Molkereien wie ArlaFoods und Danone in Asien. Damit erhöhen sie den Druck auf die Bauern in Europa.

Seit 1,3 Milliarden Chinesen auf den Geschmack von Milch gekommen sind, ist Milch in Asien zu einem gefragten Rohstoff geworden. Nach und nach sollen sich die Menschen in Asien an Milch gewöhnen. Denn, so versprechen die Konzerne, Milch macht sie größer, kräftiger und ausdauernder. ArlaFoods zum Beispiel erobert den chinesischen Markt mit Säuglingsnahrung.

Und ein spezielles Milchpulver soll die Beweglichkeit von Senioren in Hongkong stärken. Stets geht es dabei um die Interessen der Konzerne, ermöglicht ihnen doch der massenhafte globale Export ständiges Wachstum. Inzwischen stellt China auch eigene Milchprodukte her. So werden auf riesigen chinesischen Milchfarmen mehr als 10.000 Kühe gemolken.

Billiges Milchpulver zerstört Märkte in Afrika

Molkerei- und Nahrungsmittelkonzerne geben vor, die stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren zu wollen. So exportieren europäische Konzerne billige Milchprodukte nach Guinea-Bissau, Senegal, Mauretanien, Kamerun, Ghana und Togo. Das rentiert sich vor allem wegen der niedrigen Einfuhrzölle – und weil Milch in der EU subventioniert wird.

Vor ihrer Ausfuhr wird die Milch zwecks besserer Lagerung energieintensiv zu Milchpulver verarbeitet. So stapeln sich in afrikanischen Supermärkten Joghurt, Milch und Milchpulver aus der EU. Hier greifen afrikanische Kunden lieber zu den billigen ausländischen als zu den teuren einheimischen Produkten.

Das treibt die einheimische Landwirtschaft in den Ruin. Denn Bauern in Afrika erhalten keine Subventionen. Sie haben die realen Kosten für die Herstellung ihrer Produkte zu tragen, die sie an ihre Kunden weitergeben müssen. So zerstören billige Import-Lebensmittel die Existenzen Tausender afrikanischer Kleinbauern, für die es besonders in ländlichen Gegenden schwierig ist, einen Absatzmarkt für ihre Milch zu finden.

Milchpulver hat in Kamerun inzwischen einen Marktanteil von 50 Prozent. Der Joghurt, der daraus hergestellt wird, kostet nur ein Drittel des Preises aus der heimischen Milch. Das Milchfett werde in Europa entzogen, um Futter daraus zu machen, dafür wird dem Milchpulver Palmfett zugesetzt, erklärt Francisco Mari, Referent Welternährung bei Brot für die Welt, im Interview mit dem ZDF.

Auch kleine Molkereien im Senegal, die Joghurt und Dickmilch herstellen, haben es schwer, ihre Produkte in der eigenen Region neben billiger Importmilch zu verkaufen. Dabei würde gerade der Bau von Molkereien in Afrika neue Arbeitsplätze schaffen. Die Menschen hätten wieder eine Perspektive – und weniger Grund, nach Europa auszuwandern.

Riesige Mengen an Milchpulver bereiten auch Politikern in Europa Kopfzerbrechen: Seit 2015 haben sich in der EU 380.000 Tonnen Milchpulver angesammelt, 66.000 Tonnen davon lagern in Deutschland. Das Pulver war damals aufgekauft worden mit dem Ziel, die sinkenden Milchpreise zu stabilisieren.

Allerdings sind die Preise für Milchpulver inzwischen drastisch eingebrochen. Nun wird die EU das Pulver nicht ohne Verluste wieder verkaufen können.

Kannibalisierung des Agrarsektors

Die Bauern fressen sich gegenseitig auf. Rücksichtlos werde das Land des Nachbarn aufgekauft oder gepachtet, kritisiert der EU-Abgeordnete Martin Häusling. Doch auch Bauern sind nur Menschen. Bringt man ihnen und ihrer Arbeit keine Wertschätzung entgegen, verlieren sie Haus und Hof.

Dann sehen viele in ihrem Leben keinen Sinn mehr. Das zeigt die wachsende Selbstmordrate unter EU-Bauern: In Frankreich sterben jährlich etwa 200, die Dunkelziffer liegt bei 600, in Deutschland sterben 500, auch hunderte belgische und italienische Bauern nehmen sich aus Verzweiflung das Leben.

Unlängst gedachten Abgeordnete in Brüssel der Selbstmörder in einer Schweigeminute. Dass die Todesfälle etwas mit ihrer Politik zu tun haben könnten, wird den wenigsten in den Sinn gekommen sein. Stattdessen proklamieren die Lobbyisten der Lebensmittelkonzerne und deren Vertreter gnadenlos Wachstum und Wettbewerb in der Landwirtschaft. Ändert sich nichts an ihrer Politik, werden wohl noch viele Bauern freiwillig in den Tod gehen.

Zeit für eine echte Agrarreform

Die export- und wachstumsorientierte Landwirtschaft beschert zwar dem Handel und der Lebensmittelindustrie satte Gewinne, so Martin Häusling, den Bauern aber sichert sie keinerlei angemessenes Einkommen. Der Grünen-Politiker sprach sich schon vor einem Jahr dafür aus, das Zahlungssystem bis spätestens 2034 umzubauen. Die Förderung zu tiergerechteren Haltungssystemen müsse schrittweise angepasst und die Weidehaltung ausgebaut werden.

Die gemeinsame Agrarpolitik (GAP), die seit 1962 die Landwirtschaft in Europa regulieren soll, ist aus ökologischer und sozioökonomischer Sicht komplett gescheitert. Zu diesem Schluss kommen Ökonomen, Soziologen und Ökologen, die in einer Studie die Agrarpolitik auf ihre Wirtschaftlichkeit und globale Nachhaltigkeit bewerteten.

So erhöhen zwar die Flächenprämien die Einnahmen von Agrarbetrieben, tragen aber wenig zum Lebensstandard der Landwirte bei. Das liegt vor allem an der ungleichen Verteilung der Gelder: Laut Olaf Tschimpke vom NABU bekommen zwei Prozent aller Betriebe 33 Prozent aller EU-Agrarsubventionen. Achtzig Prozent aber erhielten für den ganzen Betrieb weniger als 5.000 Euro im Jahr.

Besonders für Kleinbauern in der EU ist die Unterstützung gänzlich unzureichend. Diese Ungleichheit ist auch ein Grund für den zunehmenden Bevölkerungsschwund in ländlichen Räumen.

Darüber hinaus kritisieren die Wissenschaftler die wachsende Abhängigkeit von Fördergeldern, beeinflusst sie doch Produktionsentscheidungen und verringert die Effizienz der Betriebe. Würden die Zahlungen plötzlich eingestellt, erklärt Martin Häusling, könnte kein Milchbauer mehr überleben.

Auch der Verlust der Artenvielfalt kann mit dem herrschenden System weder gestoppt, noch kann die Nitratbelastung des Grundwassers verringert werden. Das so genannte Greening ist kaum wirksam. Was Europa braucht, ist eine nachhaltige Ernährungs- und Landnutzungspolitik.

Dafür müssten Treibhausgase in der Tierhaltung und bei Düngemitteln wirkungsvoll verringert werden. Die gesamte Landwirtschaft – nicht nur in Europa – muss sich zu einem widerstandsfähigen System entwickeln, in dem Artenschutz und die Erhaltung von Biotopen oberste Priorität haben.

Tipp:

Das System Milch (Trailer)

Autor : Susanne Aigner 

Link : https://www.heise.de/tp/features/Unsere-Ueberschuesse-machen-uns-kaputt-4001364.html

Photo :

Melkkarussel. Bild: © Thomas Fries / CC BY-SA 3.0 DE

Melkkarussel. Bild: © Thomas Fries / CC BY-SA 3.0 DE

Informatik für alle

Informatik für alle

Der Koalitionsvertrag verspricht Computer und WLAN für die Schulen. Aber ohne ein Pflichtfach Informatik bleiben die Schüler digital unmündig.

Ein Gastbeitrag von Urs Lautebach.

Es klingt hübsch, den Schulen WLAN, Beamer und Tablets zu versprechen, aber Bildung kommt weder mit dem Möbelwagen, noch wird sie im Klassenzimmer an die Wand geschraubt. Die gesamte Digitalisierungsdebatte übersieht den wichtigsten Punkt: Geräte garantieren kein Verständnis und kein Wissen, so wenig wie die Anschaffung von Instrumenten den Musikunterricht ersetzt. Trotzdem spricht der aktuelle Koalitionsvertrag nur von “digitale[r] Lernumgebung” und “Infrastruktur”, und auch die geforderte “Medienkompetenz” macht Schüler und Schülerinnen weiterhin nur zu Usern und Konsumenten.

Und wer kennt diese Haltung nicht: “Google funktioniert, mehr muss ich nicht wissen.” – “Mein Word will heute wieder nicht.” Diese Hilflosigkeit führt in eine digitale Unmündigkeit, denn wer von Informatik keine Ahnung hat, kann zwar die Systeme benutzen, die andere entwerfen und bewirtschaften, aber er oder sie kann sie nicht hinterfragen und schon gar nicht an eigene Bedürfnisse anpassen. Zu technisch geprägten Themen kann er sich keine Meinung bilden und die Wahrnehmung bestimmter Rechte bleibt ihm zunehmend verwehrt.

Mündige Informationsbürger

Dabei kann die Haltung der souveränen Bürgerin zur Informationstechnik durchaus von Skepsis, Kritik oder sogar Ablehnung geprägt sein. Um aber eine solche Haltung überhaupt vertreten zu können, muss sie etwas von der Sache verstehen. Ein Beispiel dafür ist die Wahlcomputer-Debatte, in der das Bundesverfassungsgericht 2009 ein Machtwort sprechen musste: Der Einsatz ist verfassungswidrig, weil “die …Wahlhandlung … vom Bürger zuverlässig und ohne besondere Sachkenntnis überprüfbar sein [muss]”. Der Widerstand gegen Wahlcomputer kam aber nicht aus Politik oder Fachbehörden, sondern zuerst von Informatikerinnen, besonders aus dem Chaos Computer Club. Unsere Gesellschaft braucht diese Menschen, die ihren Bürgersinn mit technischem Wissen vereinen.

Deshalb brauchen wir ein Schulfach Informatik. Es muss mit qualifizierten Lehrkräften, einem sorgfältig geschriebenen Bildungsplan, ausreichend Zeit im Stundenplan und einer Zeile im Zeugnis ausgestattet werden. Seine wichtigste Aufgabe muss die Entmystifizierung der digitalen Welt sein, so wie Biologie, Physik und Chemie jeweils einen Teil unserer Welt entzaubern. Auch dort erleben Kinder mit ihrem eigenen Denken, dass die Natur erklärbar und verstehbar ist. Diese Erfahrung bleibt ihnen erhalten, auch wenn sie Impulserhaltung und Zellteilung wieder vergessen.

Diese Entmystifizierung müssen die Schüler wirklich erleben: Wie kann etwas dermaßen Komplexes nur aus Nullen und Einsen bestehen? Wie kann eine Nachricht so schnell in Übersee ankommen? Wie merkt sich Facebook alle meine Daten? Viele Schüler wollen programmieren lernen, was äußerst motivierende Erfolgserlebnisse ermöglicht. Aber Informatikunterricht umfasst auch Datenbanken, Netzwerke, Kryptografie und vieles mehr.

Beherrschen statt Bedienen

Leider läuft es an Schulen bisher oft umgekehrt: “Computer kann man nicht verstehen”, ist die unausgesprochene Botschaft der meisten fachfremden Lehrkräfte, unmissverständlich ergänzt durch: “… muss man aber auch nicht.” Das kann man ihnen nicht vorwerfen, denn diese Lehrer hatten selbst nie Zugang zu informatischer Bildung. Verstehen ist aber das vorrangige Bildungsziel, das deshalb nur im einem eigenständigen Fach erreicht werden kann. Das Erlebnis, Computer zu beherrschen statt nur zu bedienen, steht als kognitive Grunderfahrung auf einer Stufe steht mit dem Erwerb einer Fremdsprache, dem Kennenlernen der Naturgesetze, dem Erlernen einer Sportart oder der ersten Wahrnehmung politischer Teilhabe.

Neben der digitalen Mündigkeit sprechen auch die Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt für ein Pflichtfach. Im Jahr 2040 werden Berufe wie Bankberater oder Taxifahrer verschwunden sein. Auch höchst anspruchsvolle Tätigkeiten wie die von Radiologen lassen sich bald automatisieren. IT-Fachkräfte hingegen werden verzweifelt gesucht. In Deutschland fehlen Hunderttausende Informatiker. Der Mangel hemmt das Wachstum ganzer Branchen und stellt Deutschland als Innovationsstandort in Frage. Jugendliche in entsprechenden Ausbildungsgängen haben oft falsche Erwartungen wie Spieleentwicklung oder Webdesign, die dann Enttäuschungen und Studienabbrüche produzieren. Dabei stehen ihnen in keiner anderen Branche so zukunftssichere, interessante und gut bezahlte Jobs offen. Sie sollten daher ein halbwegs treffendes Bild von der Informatik haben.

Informatikunterricht ist nicht Konsum

Zugegeben: Ein neues Fach ist ein politischer und organisatorischer Kraftakt und ein undankbarer dazu. Selbst wenn etwa Baden-Württemberg so schnell wie möglich (etwa 2021/22) ein vollwertiges Fach Informatik ab Klasse fünf einrichtet, macht der erste Jahrgang 2027 Realschulabschluss oder 2029 Abitur. Den Arbeitsmarkt erreicht er frühestens 2032. Es darf nicht länger abgewartet werden.

Ein weiteres Gegenargument lautet: Der Medienkonsum vieler Jugendlicher sei ohnehin zu hoch. Jetzt auch noch in der Schule? Muss das sein? Aber das ist ein Missverständnis. Informatikunterricht ist nicht Konsum, sondern fördert vielmehr die intellektuelle, oft auch äußerst kreative Beschäftigung mit der Materie.

Es ist zu begrüßen, dass unsere Bildungssysteme nicht jedem Trend nachlaufen. Aber 2018 gibt es beim besten Willen keine Ausrede mehr: Informatik ist keine Modeerscheinung, sondern die Strukturwissenschaft des 21. Jahrhunderts schlechthin. Kosten, Personalmangel, uralter Fächerproporz – nichts davon rechtfertigt das endlose Zuwarten. Zwar gibt es Fortschritte in einzelnen Bundesländern (etwa Bayern und Sachsen), Informatik muss aber überall und an allen Schularten gelehrt werden, von fachlich erstklassig ausgebildeten Kräften und für alle Schüler verpflichtend. Für die Mädchen muss das Fach früh einsetzen, damit sie noch vor der Pubertät den Einstieg finden. Ein Umfang von durchgängig einer Jahreswochenstunde in der fünften bis zehnten Klasse erscheint sinnvoll und realistisch; mittelfristig muss schon der Sachunterricht der Grundschule erste Impulse geben. Nur so kann die Schule auch im 21. Jahrhundert ihrem Allgemeinbildungsauftrag gerecht werden.

Urs Lautebach ist zweiter Sprecher der Informatiklehrerinnen und -lehrer Baden-Württemberg in der Gesellschaft für Informatik.

Source : http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2018-02/digitalisierung-informatikunterricht-schulen-bildung

Männer und Frauen sind eben unterschiedlich

Männer und Frauen sind eben unterschiedlich

 
Ein Google-Mitarbeiter hat seinen Job verloren, weil er über unterschiedliche Interessen von Männern und Frauen gesprochen hatte. Das aber ist kein Sexismus.

VON JOCHEN BITTNER

Der norwegische Soziologe und TV-Komiker Harald Eia hat vor einigen Jahren etwas sagenhaft Mutiges getan. Er ging zunächst in die Teeküche für das Pflegepersonal auf einem Krankenhausflur und fragte, warum dort so wenige Männer arbeiteten.

Als Nächstes besuchte er die Kantine eines Ingenieurbetriebs und fragte, wieso dort so wenige Frauen säßen. In Norwegen!, wunderte sich Eia. Im freiheitlichsten, gleichesten, fortschrittlichsten Land der Welt segregieren sich die Geschlechter nach Jobs – offenbar freiwillig.

Naja, antworteten ihm die Krankenpflegerinnen, Männer interessierten sich halt eher für Technik, Maschinen, solche Dinge. Ja nun, sagten die Ingenieure, Frauen fänden es wohl spannender, mit Menschen zu arbeiten.

Ein Glück, dass diese Leute nicht bei Google angestellt gewesen sind. Ansonsten hätten sie sich nach diesen Äußerungen einen neuen Job suchen müssen – der Ideologie des Google-Chefs Sundar Pichai folgend die Frauen am besten als Automechanikerinnen, die Männer am liebsten als Kindergärtner. 

Was ist passiert? Ein mittlerweile Ex-Mitarbeiter von Google, James Damore, hat vor wenigen Tagen etwas ähnlich sagenhaft Mutiges getan wie Harald Eia. Er hatte behauptet, es gebe genetische Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die sich – immer im Durchschnitt und pauschal betrachtet – in unterschiedlichen Interessen äußerten. Um zu erklären, warum 80 Prozent der Angestellten in Googles Techniksparte Männer sind, verwies Damore auf eine Reihe von Studien, laut denen – kurz gesagt – Männer interessierter an Dingen sind und Frauen interessierter an Leuten.

Wissenschaftliche Fakten interessieren nicht

Wissenschaftliche Fakten interessierten aber weder den Google-Chef noch viele Journalistinnen und Journalisten, die über das vermeintlich skandalöse Memo Damores berichteten. “Zu behaupten, dass eine Gruppe unserer Kollegen Eigenschaften haben, die sie biologisch weniger geeignet machen, diese Arbeit zu verrichten, ist beleidigend und nicht ok”, schrieb Google-Chef Pichai in seiner Kündigungsbegründung. Auch Autorinnen auf ZEIT ONLINE und Spiegel Online unterstellten Damore flugs, ein Sexist zu sein.

Nun hatte Dalmore aber gar nicht bestritten, dass es Programmiererinnen geben kann und gibt, die genauso gute oder bessere Arbeit leisten als Programmierer. Er sagte nur, dass es deutlich weniger Programmiererinnen als Programmierer gibt und dass dies etwas mit dem unterschiedlichen Aufbau von männlichen und weiblichen Gehirnen zu tun haben könnte.

Natürlich ist Sexismus ein Problem (Damore weist in seinem Memo ausdrücklich darauf hin), wahrscheinlich sogar bei Google. Aber was hat das eine, die Reduzierung von Frauen auf Stereotype, mit dem anderen zu tun, den Ergebnissen von neuro- und evolutionswissenschaftlicher Forschung? 

Harald Eia, der unerschrockene norwegische Fragesteller, interviewt als nächstes Genderforscher, die ihm sagen, das Interesse von Mädchen an Puppen und das Interesse von Jungen an Autos sei auf soziale Prägung zurückzuführen, dieser Unterschied habe nichts mit der Gehirnstruktur zu tun. Zwar gebe es Wissenschaftler in den USA, die dies anders sähen, aber die seien nicht ernst zu nehmen.

Auch Säuglinge ohne soziale Prägung haben geschlechtsspezifische Interessen

Eia fliegt trotzdem hin, interviewt diese seltsamen, angeblich altmodischen Wissenschaftler, und ihre Forschungsergebnisse beeindrucken ihn. Sie haben unter anderem festgestellt, dass Säuglinge, die noch keine nennenswerte soziale Prägung erfahren haben, auf unterschiedliche Symbole unterschiedlich intensiv reagieren; Mädchen eher auf Gesichter, Jungen eher auf geometrische Formen. Evolutionswissenschaftler sagen Eia außerdem, dass es für die Fortpflanzung einer Art vorteilhaft sei, wenn Frauen, weil sie den Nachwuchs gebären und stillen, diese Aufgabe als etwas Erfreuliches empfänden. Die Evolution habe deshalb dafür gesorgt, dass Frauen typischerweise zu mehr sozialer Empathie und Geselligkeit neigten.

Der New York Times-Journalist David Brooks, der sich lange mit Verhaltensforschung und Fragen zur Charakterbildung beschäftigt hat, kommt zu dem Schluss, dass im Streit um genetische oder soziale Prägung die Evolutionsbiologen den Sieg davongetragen haben.

Eine politische interessante Frage, die sich aus diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen ableiten ließe, wäre: Wenn es stimmt, dass genetische Prägungen stark mit dafür verantwortlich sind, dass Frauen eher Berufe wählen, die im Schnitt schlechter bezahlt sind, als die Berufe, die eher Männer wählen, müsste eine faire und aufgeklärte Gesellschaft diese biologisch bedingten Präferenzen dann nicht finanziell ausgleichen?

Stattdessen könnte ich mich als Mann natürlich über die Behauptung ereifern, dass mein Geschlecht weniger empathisch und gesellig sein soll als das weibliche – wie sexistisch, beleidigend und nicht ok! Aber das wäre ziemlich albern. Ich denke eher: Schön, dass wir die Ursachen für gewisse Unterschiede kennen, ganz gut sogar, dass Männer und Frauen genetisch unterschiedlich geprägt sind – und noch besser, dass als Individuum trotzdem jeder den Anspruch hat, als eben solches behandelt zu werden, sprich: genau wahrgenommen zu werden, mit allen Interessen, Talenten und Argumenten (!), bevor man über ihn oder sie urteilt. Oder, Kolleginnen und Kollegen?