Informatik für alle

Informatik für alle

Der Koalitionsvertrag verspricht Computer und WLAN für die Schulen. Aber ohne ein Pflichtfach Informatik bleiben die Schüler digital unmündig.

Ein Gastbeitrag von Urs Lautebach.

Es klingt hübsch, den Schulen WLAN, Beamer und Tablets zu versprechen, aber Bildung kommt weder mit dem Möbelwagen, noch wird sie im Klassenzimmer an die Wand geschraubt. Die gesamte Digitalisierungsdebatte übersieht den wichtigsten Punkt: Geräte garantieren kein Verständnis und kein Wissen, so wenig wie die Anschaffung von Instrumenten den Musikunterricht ersetzt. Trotzdem spricht der aktuelle Koalitionsvertrag nur von “digitale[r] Lernumgebung” und “Infrastruktur”, und auch die geforderte “Medienkompetenz” macht Schüler und Schülerinnen weiterhin nur zu Usern und Konsumenten.

Und wer kennt diese Haltung nicht: “Google funktioniert, mehr muss ich nicht wissen.” – “Mein Word will heute wieder nicht.” Diese Hilflosigkeit führt in eine digitale Unmündigkeit, denn wer von Informatik keine Ahnung hat, kann zwar die Systeme benutzen, die andere entwerfen und bewirtschaften, aber er oder sie kann sie nicht hinterfragen und schon gar nicht an eigene Bedürfnisse anpassen. Zu technisch geprägten Themen kann er sich keine Meinung bilden und die Wahrnehmung bestimmter Rechte bleibt ihm zunehmend verwehrt.

Mündige Informationsbürger

Dabei kann die Haltung der souveränen Bürgerin zur Informationstechnik durchaus von Skepsis, Kritik oder sogar Ablehnung geprägt sein. Um aber eine solche Haltung überhaupt vertreten zu können, muss sie etwas von der Sache verstehen. Ein Beispiel dafür ist die Wahlcomputer-Debatte, in der das Bundesverfassungsgericht 2009 ein Machtwort sprechen musste: Der Einsatz ist verfassungswidrig, weil “die …Wahlhandlung … vom Bürger zuverlässig und ohne besondere Sachkenntnis überprüfbar sein [muss]”. Der Widerstand gegen Wahlcomputer kam aber nicht aus Politik oder Fachbehörden, sondern zuerst von Informatikerinnen, besonders aus dem Chaos Computer Club. Unsere Gesellschaft braucht diese Menschen, die ihren Bürgersinn mit technischem Wissen vereinen.

Deshalb brauchen wir ein Schulfach Informatik. Es muss mit qualifizierten Lehrkräften, einem sorgfältig geschriebenen Bildungsplan, ausreichend Zeit im Stundenplan und einer Zeile im Zeugnis ausgestattet werden. Seine wichtigste Aufgabe muss die Entmystifizierung der digitalen Welt sein, so wie Biologie, Physik und Chemie jeweils einen Teil unserer Welt entzaubern. Auch dort erleben Kinder mit ihrem eigenen Denken, dass die Natur erklärbar und verstehbar ist. Diese Erfahrung bleibt ihnen erhalten, auch wenn sie Impulserhaltung und Zellteilung wieder vergessen.

Diese Entmystifizierung müssen die Schüler wirklich erleben: Wie kann etwas dermaßen Komplexes nur aus Nullen und Einsen bestehen? Wie kann eine Nachricht so schnell in Übersee ankommen? Wie merkt sich Facebook alle meine Daten? Viele Schüler wollen programmieren lernen, was äußerst motivierende Erfolgserlebnisse ermöglicht. Aber Informatikunterricht umfasst auch Datenbanken, Netzwerke, Kryptografie und vieles mehr.

Beherrschen statt Bedienen

Leider läuft es an Schulen bisher oft umgekehrt: “Computer kann man nicht verstehen”, ist die unausgesprochene Botschaft der meisten fachfremden Lehrkräfte, unmissverständlich ergänzt durch: “… muss man aber auch nicht.” Das kann man ihnen nicht vorwerfen, denn diese Lehrer hatten selbst nie Zugang zu informatischer Bildung. Verstehen ist aber das vorrangige Bildungsziel, das deshalb nur im einem eigenständigen Fach erreicht werden kann. Das Erlebnis, Computer zu beherrschen statt nur zu bedienen, steht als kognitive Grunderfahrung auf einer Stufe steht mit dem Erwerb einer Fremdsprache, dem Kennenlernen der Naturgesetze, dem Erlernen einer Sportart oder der ersten Wahrnehmung politischer Teilhabe.

Neben der digitalen Mündigkeit sprechen auch die Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt für ein Pflichtfach. Im Jahr 2040 werden Berufe wie Bankberater oder Taxifahrer verschwunden sein. Auch höchst anspruchsvolle Tätigkeiten wie die von Radiologen lassen sich bald automatisieren. IT-Fachkräfte hingegen werden verzweifelt gesucht. In Deutschland fehlen Hunderttausende Informatiker. Der Mangel hemmt das Wachstum ganzer Branchen und stellt Deutschland als Innovationsstandort in Frage. Jugendliche in entsprechenden Ausbildungsgängen haben oft falsche Erwartungen wie Spieleentwicklung oder Webdesign, die dann Enttäuschungen und Studienabbrüche produzieren. Dabei stehen ihnen in keiner anderen Branche so zukunftssichere, interessante und gut bezahlte Jobs offen. Sie sollten daher ein halbwegs treffendes Bild von der Informatik haben.

Informatikunterricht ist nicht Konsum

Zugegeben: Ein neues Fach ist ein politischer und organisatorischer Kraftakt und ein undankbarer dazu. Selbst wenn etwa Baden-Württemberg so schnell wie möglich (etwa 2021/22) ein vollwertiges Fach Informatik ab Klasse fünf einrichtet, macht der erste Jahrgang 2027 Realschulabschluss oder 2029 Abitur. Den Arbeitsmarkt erreicht er frühestens 2032. Es darf nicht länger abgewartet werden.

Ein weiteres Gegenargument lautet: Der Medienkonsum vieler Jugendlicher sei ohnehin zu hoch. Jetzt auch noch in der Schule? Muss das sein? Aber das ist ein Missverständnis. Informatikunterricht ist nicht Konsum, sondern fördert vielmehr die intellektuelle, oft auch äußerst kreative Beschäftigung mit der Materie.

Es ist zu begrüßen, dass unsere Bildungssysteme nicht jedem Trend nachlaufen. Aber 2018 gibt es beim besten Willen keine Ausrede mehr: Informatik ist keine Modeerscheinung, sondern die Strukturwissenschaft des 21. Jahrhunderts schlechthin. Kosten, Personalmangel, uralter Fächerproporz – nichts davon rechtfertigt das endlose Zuwarten. Zwar gibt es Fortschritte in einzelnen Bundesländern (etwa Bayern und Sachsen), Informatik muss aber überall und an allen Schularten gelehrt werden, von fachlich erstklassig ausgebildeten Kräften und für alle Schüler verpflichtend. Für die Mädchen muss das Fach früh einsetzen, damit sie noch vor der Pubertät den Einstieg finden. Ein Umfang von durchgängig einer Jahreswochenstunde in der fünften bis zehnten Klasse erscheint sinnvoll und realistisch; mittelfristig muss schon der Sachunterricht der Grundschule erste Impulse geben. Nur so kann die Schule auch im 21. Jahrhundert ihrem Allgemeinbildungsauftrag gerecht werden.

Urs Lautebach ist zweiter Sprecher der Informatiklehrerinnen und -lehrer Baden-Württemberg in der Gesellschaft für Informatik.

Source : http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2018-02/digitalisierung-informatikunterricht-schulen-bildung

Prokon – Die falsche Pleite

Prokon – Die falsche Pleite

Die Windkraftfirma Prokon ist in Schwierigkeiten geraten. Was können wir daraus lernen?

Obwohl es in fast allen Zeitungen anders stand, ist Prokon womöglich gar nicht pleite. Das Management des Windkraftbetreibers hat zwar einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt, dem aber das Gericht bisher nicht entsprochen hat. Es hat nur einen vorläufigen Insolvenzverwalter eingesetzt, was nicht sagt, dass es zu einem Insolvenzverfahren kommt.

Der Hamburger Anwalt Dietmar Penzlin hat den Job angenommen und muss versuchen, die Vermögenswerte im Interesse der Gläubiger der Firma zu sichern. Und er prüft, ob Prokon zahlungsunfähig ist. Das ist schwierig. Nach allem, was man weiß, ist Prokon niemandem Geld schuldig geblieben. Die Mitarbeiter erhielten pünktlich ihre Löhne und Gehälter, die Beiträge an die Sozialkassen wurden abgeführt und die Lieferanten bezahlt. Die Banken kassierten ihre Zinsen. Auch die rund 75.000 Kleinanleger, die bei Prokon Geld investiert haben, hatten nichts zu klagen. Im Gegenteil: Mit Ausschüttungen von bis zu acht Prozent wurden sie üppig bedient. Seit 18 Jahren hat bei Prokon kein Anleger Geld verloren.

Das Problem ist, dass ein Teil der Geldgeber kalte Füße bekommen hat. Zu Tausenden kündigten die Menschen ihre Kapitaleinlagen. Die Windkraftfirma hatte über die Jahre fast 1,4 Milliarden Euro eingeworben, doch dann wurden schlagartig 200 Millionen Euro zurückgefordert. Das Unternehmen erlebte so etwas wie einen bank run, bei dem Sparer aus Angst, Geld zu verlieren, in Massen ihre Konten räumen und das Institut auf diese Weise erst in die mögliche Insolvenz treiben.

Es war absehbar, dass Prokon den Ausstiegswilligen ihr Geld nicht sofort zurückzahlen kann. Im eigenen Interesse stellte die Geschäftsführung um Firmengründer Carsten Rodbertus einen Insolvenzantrag. Sonst hätte sie riskiert, der Insolvenzverschleppung beschuldigt zu werden, einer Straftat, die mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet werden kann.

Dass die Firma wirklich pleite ist, im Sinne der Insolvenzordnung, daran hat der vorläufige Verwalter aber Zweifel. Er hält es für “durchaus möglich”, erklärte er Journalisten und Mitarbeitern am Firmensitz in Itzehoe, dass “eine Zahlungsunfähigkeit, die hier in Rede steht, nicht vorliegen könnte”. Drei Rechtsprofessoren untersuchen nun die Frage, das wird bis zu drei Monate dauern. Dann wird klar sein, wie viel Zeit Prokon hat, um Einlagen zurückzuzahlen.

Für die Anleger wird das eine Geduldsprobe, aber dem vorläufigen Verwalter macht es wenig Sorgen, wie er durchblicken ließ. Die Windräder drehten sich ja weiter, sagte Penzlin, einen Stillstand des Geschäfts und einen Ausfall von Einnahmen wird es also zumindest auf diesem Feld nicht geben.

Eine Pleitefirma, die vielleicht gar nicht pleite ist, das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit im Fall Prokon. Eine andere: Ein Unternehmen, das die Energiewende mitgestaltet, wird als Betrügerfirma denunziert. Zehntausende Anleger, die es für klug hielten, in Sachwerte zu investieren, die sie sich nach kurzer Autofahrt ansehen können, müssen sich jetzt nachsagen lassen, dumm, gierig oder beides zu sein.

Man fragt sich, wie es um die Risikokultur in einem führenden Wirtschaftsland steht, wenn dem Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes BDI zu einem wachsenden Unternehmen, dem die Finanzierung weggebrochen ist, der Satz einfällt: “Investitionen dürfen nicht zum Glücksspiel werden.”

Was ist passiert? Prokon hat sogenannte Genussrechte ausgegeben, um Kapital zu beschaffen. Dabei handelt es sich um ein Zwischending von unternehmerischer Beteiligung und Festzinspapier, für das es keine besonderen gesetzlichen Regeln gibt. Der Verkaufsprospekt von Prokon ist vorbildlich und gut verständlich. Alle Risiken sind beschrieben. Es steht darin, dass die Genussrechte für Anleger mit mittel- bis langfristigem Horizont geeignet seien und dass es sich um eine Kapitalanlage mit “typischem unternehmerischen Risiko” handele. Deshalb sollten Interessenten nur einen Teil ihrer Ersparnisse investieren. Den Anlegern wird auch erklärt, dass sich ihre Rückzahlungsansprüche durch Verluste des Unternehmens verringern könnten. Sogar der Fall, dass eine große Zahl von Anlegern gleichzeitig Geld abziehen will, ist beschrieben.

Wenn man nach der Ursache sucht, warum so viele Anleger bei Prokon aussteigen wollen, muss man die Rolle der Medien selbstkritisch beleuchten. In zahlreichen Berichten wurden im vergangenen Jahr die Gefahren einer Anlage bei Prokon beschrieben – und übertrieben. Sicher, es gab Ungereimtheiten und unbeantwortete Fragen. Aber allzu oft (auch in der ZEIT) wurde ein Wort verwendet, das viele Geldanleger in Alarm versetzt: Schneeballsystem.

Dabei liegt es auf der Hand, dass Prokon kein Schneeballsystem ist. In einem solchen System werden die Gewinne der frühen Anleger mit dem Geld der späteren bezahlt. Ein reales Geschäft, in dem Werte geschaffen werden, gibt es nicht. Anders ist es bei Prokon. Niemand bestreitet, dass das Unternehmen mehr als 300 Windanlagen betreibt und Hunderte weitere baut und plant. Die Standorte sind bekannt. Tausende Anleger sind in den vergangenen Jahren zu Besuchstagen aufgebrochen, um “ihre” Windräder sich drehen zu sehen. Laut Bilanz für das Jahr 2011 hatte Prokon damals ein Vermögen von gut einer Milliarde Euro, darunter 585 Millionen Euro Sachanlagen, bewertet nach den strengen Vorschriften des Handelsgesetzbuchs, versehen mit dem Testat unabhängiger Wirtschaftsprüfer.

Bei Prokon entzündete sich der Argwohn vieler Beobachter an der Frage, ob die Einnahmen aus der Windenergie und den anderen Geschäftsbereichen Biomasse und Holzverarbeitung ausreichen, um die Zinsen an die Anleger zu zahlen. Auch ohne dass Prokon eine Kapitalflussrechnung vorgelegt hätte, wie sie von Verbraucherschützern gefordert wurde, ist die Antwort leicht: Sie reichen derzeit nicht aus.

Prokon hat tatsächlich mehr Geld an seine Anleger ausgeschüttet, als es in seinem operativen Geschäft verdient hat. Das ist aber ein Umstand, aus dem das Unternehmen nie einen Hehl gemacht hat, es ist ein elementarer Teil des Geschäftsmodells.

Was dem Wirtschaftslaien als ein Ding der Unmöglichkeit erscheint – ein Unternehmen schüttet mehr Geld aus, als es im Normalbetrieb verdient hat -, ist in Wirklichkeit nicht selten. Unternehmensgewinne entstehen nämlich nicht nur in der Form eines Cash Flow, sondern auch daraus, dass das Vermögen eines Unternehmens an Wert gewinnt.

In einer Bilanz, die nach dem Handelsgesetzbuch aufgestellt wird, kommen solche Bewertungsgewinne nicht vor. Im Gegenteil: Ist eine Anlage abgeschrieben, hat sie offiziell keinen Wert mehr, auch wenn sie noch Jahre läuft. Dagegen müssen Bewertungsgewinne in Bilanzen nach internationalen Regeln, wie sie heute fast alle Großkonzerne aufstellen, ausgewiesen werden. Es gibt in dieser Frage kein Richtig oder Falsch. Die deutsche Bilanz ist darauf ausgerichtet, das Unternehmen keinesfalls besser aussehen zu lassen, als es ist. Bei der internationalen Bilanzierung geht es darum, ein realistisches aktuelles Bild von der Firma zu geben. In der Prokon-Bilanz gibt es wahrscheinlich stille Reserven. So werden die Windräder dort mit den Kosten ihrer Planung und ihres Baus angegeben, und weil der Gesetzgeber annimmt, dass die Anlagen mit der Zeit verschleißen, werden die Wertansätze von Jahr zur Jahr kleiner. Die Marktwerte sind wohl höher, besonders in der Planungsphase. Im Sommer 2013 standen die Windanlagen mit 800 Millionen Euro in der Bilanz, waren aber nach Einschätzung des Unternehmens 894 Millionen Euro wert.

Aus Sicht der Anleger eines Unternehmens ist es wünschenswert, wenn sie an stillen Reserven beteiligt werden. Bei Prokon erhielten sie neben der zugesagten Grundverzinsung von sechs Prozent zwei Prozent Überschussbeteiligung. Mit dieser Praxis hat sich die Firma exakt so verhalten, wie es Verbraucherschützer und der Gesetzgeber von den Versicherungskonzernen verlangen. Auch sie müssen ihre Lebensversicherungskunden heute an den Wertzuwächsen ihrer Anlagen beteiligen.

Kurz vor und nach dem Insolvenzantrag war für viele Beobachter klar, dass die Sache schiefgehen musste. “Haarsträubende acht Prozent Zinsen” habe Prokon “garantiert”, stand in der Süddeutschen Zeitung. Dabei war nichts garantiert, schon gar nicht waren es acht Prozent, aber auch die wären nicht haarsträubend gewesen. In Finanztest, einer Zeitschrift der Stiftung Warentest, konnte man 2011 lesen: “Es ist durchaus möglich, mit Windkraftanlagen dauerhaft Renditen von acht Prozent oder sogar mehr zu erzielen.” Auf der Internetseite der halbstaatlichen Deutschen Energie-Agentur steht: “Die Renditen von Windenergieanlagen liegen durchschnittlich bei 6 bis 10 Prozent vor Steuern.”

Wie einträglich die Windkraft ist und sein kann, ist eine schwierige Frage, und das nicht nur, weil jeder Standort anders ist. Oft werden die Anlagen von sogenannten geschlossenen Fonds gebaut, bei denen man nur in einem bestimmten Zeitraum einsteigen kann und dann langfristig engagiert bleibt. Der Anleger wird dabei selbst Unternehmer. Wie hoch seine Rendite ausfällt, hängt auch davon ab, wie hoch die Nebenkosten sind, wie viel Bankkredite aufgenommen werden und ob Finanzvermittler die Hand aufgehalten haben.

Nach einer Studie des Steuerberaters Werner Daldorf, der 170 Windparkprojekte über zwölf Jahre untersucht hat, betrugen die jährlichen Ausschüttungen im Schnitt 2,5 Prozent. Allerdings handelte es sich wohl überwiegend um geschlossene Fonds, und oft wurden neben dem Anlegergeld hohe Bankkredite aufgenommen, die Zinskosten verursachten.

Prokon ist anders, das Unternehmen gehört zu den Großen, hat dadurch bei der Planung und dem Bau von Anlagen Kostenvorteile. Überdies arbeitet Prokon fast bankenunabhängig, was bei der Finanzierung Vorteile mit sich bringt. Höhere Renditen für Anleger sind deswegen nicht garantiert, sind aber nicht unerreichbar. Anleger haben also keine Dummheit begangen, als sie bei Prokon investiert haben, einer Firma mit Erfahrung, eigener Produktion und Betriebskindergarten. Ein Problem ist allenfalls, dass einige mit zu hohen Beträgen (gemessen an ihrem Vermögen) auf eine Anlage gesetzt haben, statt ihre Ersparnisse auf mehrere Anlagen zu verteilen.

Dass Prokon Windkraftanlagen mit kurzfristig kündbarem Geld finanziert hat, hält heute auch Firmenchef Rodbertus für einen Fehler. Tatsächlich ist es ja nun auch schiefgegangen. Die Firma kann ihre Anleger nicht so schnell auszahlen, wie sie es zugesagt hatte. Vorerst werde es weder Zinsen noch Rückzahlungen geben, sagte der vorläufige Insolvenzverwalter. Aber das bedeutet nicht, dass das Prokon-Modell von vorneherein eine zum Scheitern verurteilte Idee war. Tatsächlich wird kaum eine Investition mit langfristig gebundenem Geld bezahlt.

Anleger lieben es kurzfristig, sie wollen flexibel bleiben und im Notfall schnell wieder an ihr Geld kommen. Größere Investitionen sind fast immer langfristiger Natur. Es ist also keineswegs eine Todsünde, sie mit kurzfristigem Geld zu finanzieren. Bei den Banken gehört es zu den Kernaufgaben, “aus kurz lang zu machen”. Fachleute sprechen von der Fristentransformation. Gewiss birgt sie Risiken, aber sie ist eine Methode, um Investitionen in neuen Wohlstand zu ermöglichen. Wenn alles, was einmal schiefgeht, falsch wäre, hätten wir keine Flugzeuge.

Prokon ist auch kein Fall, der den Ruf nach mehr Kontrolle oder Regulierung rechtfertigt. Das Unternehmen hat seinen Anlegern immer einen von der Finanzaufsicht formal geprüften Verkaufsprospekt vorgelegt und bis 2011 auch eine von Wirtschaftsprüfern testierte Bilanz. Prokon agiert überdies auf einem Markt, der stark reguliert ist. Die Firma wurde von Verbraucherschützern und Wirtschaftsmedien über Jahre kritisch begleitet – und hat auf Einwände teils konstruktiv reagiert.

Zu Recht stießen sich die Verbraucherschützer daran, dass Prokon in seiner Werbung die Risiken der Geldanlage herunterspielte. Aber sie hatten nicht in allen Punkten recht. Der Verbraucherzentrale Bundesverband unterlag Prokon im Januar, nachdem die Firma die Anleger mit drastischen Worten auf die Insolvenzgefahr hingewiesen hatte. Was Verbraucherschützer für eine unzulässige Drohung hielten, war nach Ansicht des Landgerichts Itzehoe nicht nur “legitim, sondern Verpflichtung einer verantwortungsvollen Geschäftsleitung”.

Eine der Ursachen des Argwohns gegen Prokon war die Tatsache, dass der Konzern noch keine Bilanz für das Jahr 2012 vorgelegt hat, die von Wirtschaftsprüfern testiert ist. Es gibt nur einen Entwurf. Die Konzern-Bilanz zeigt ein Anlagevermögen von 1,1 Milliarden Euro am Ende des Jahres 2012. Der Umsatz belief sich in dem Jahr auf 410 Millionen Euro, unterm Strich steht ein Verlust von 171 Millionen Euro. Das hat viele Anleger erschreckt.

Dass die Wirtschaftsprüfer diese Bilanz bislang nicht testiert haben, erklärt die Firma damit, dass es der erste Konzernabschluss sei und damit aufwendiger – und dass es Diskussionen über die angesetzten Marktwerte gebe. Daraus kann man schließen, dass die Prüfer sie für zu hoch oder nicht belegt halten.

Nach den jüngsten Zahlen war das Vermögen der für die Anleger maßgeblichen Energie-Tochtergesellschaft Ende November 2013 mit rund 1,3 Milliarden Euro etwas kleiner als die Summe des für Genussrechte bezahlten Geldes.

Wie es tatsächlich um die Werte bei Prokon bestellt ist, wird sich zeigen, wenn das Unternehmen nun einige Windparks verkauft, um mit dem Geld ängstliche Kleinanleger auszuzahlen. Gut die Hälfte der Investoren zeigte sich bislang geduldig und will Prokon treu bleiben.

VON Rüdiger Jungbluth

QUELLE: http://www.zeit.de/2014/06/prokon-insolvenz-windkraft-energie

Helmut Schmidt – "Im Herzen sind die Bundesbanker Reaktionäre"

Helmut Schmidt – "Im Herzen sind die Bundesbanker Reaktionäre"

Helmut Schmidt ist seit 1983 Mitherausgeber der ZEIT und war zwischen 1974 bis 1982 der fünfte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. © dpa

Frage: Viele Jahre lang verfolgte Deutschland zwei parallele politische Ziele: einerseits die Verpflichtung zu finanzieller und monetärer Stabilität, andererseits das Bekenntnis zur europäischen Integration. Denken Sie, dass angesichts der Krise der Währungsunion diese beiden Politiken nicht mehr vereinbar sind?

Helmut Schmidt: Lassen Sie mich erst mit Blick auf das politische Umfeld antworten. Die Briten will ich von meiner Antwort ausschließen, weil die Regierung noch relativ neu im Amt ist und ich die führenden Personen nicht persönlich kenne. Generell würde ich sagen, dass Europa Führungspersönlichkeiten fehlen, Personen in hohen Ämtern in den Nationalstaaten oder den europäischen Institutionen mit genügendem Überblick über nationale wie internationale Fragen und ausreichender Urteilskraft.

Es gibt wenige Ausnahmen wie Jean-Claude Juncker, den Premierminister von Luxemburg, aber sein Land ist zu klein, um eine substanzielle Rolle zu spielen. Ich denke nicht, dass die Deutschen oder ihre politische Klasse das Stabilitätsziel aufgegeben haben. Seit 2008 haben die Umstände sie dazu gezwungen – wie auch fast den gesamten Rest der Welt -, ihre Stabilitätsideale zu verletzen, aber das geschah nicht aus freiem Willen, sondern als Folge der Wirtschaftskrise.

Frage: Es lag also nicht an der politischen Führung?

Schmidt: Es kommt hinzu, dass die deutsche Regierung aus Leuten besteht, die erst im Amt ihren Job lernen. Sie können nicht auf frühere Erfahrungen in der Weltpolitik oder der Weltwirtschaft zurückgreifen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist ein Mann, den ich schätze und vor dem ich großen persönlichen Respekt habe. Haushalts- und Steuerprobleme versteht er gut. Doch die internationalen Geld- und Kapitalmärkte, das Bankensystem oder die Aufsicht über die Banken und Schattenbanken sind neu für ihn. Dasselbe gilt für Angela Merkel. Das ist keine Kritik an Schäuble oder Merkel, aber wir brauchen Personen in den Spitzenämtern, die ein Verständnis von der heutigen Wirtschaft haben.

Frage: Manche Leute sagen, das Problem liege tiefer: Der Geburtsfehler der Währungsunion bestehe darin, dass die Politische Union fehlte.

Schmidt: Das wiederholt die Bundesbank seit 30 Jahren. Im tiefsten Herzen sind die Bundesbanker Reaktionäre. Sie sind gegen die europäische Integration.

Frage: Wen genau meinen Sie? Persönlichkeiten wie der frühere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer spielen doch keine führende Rolle mehr.

Schmidt: Aber seine Nachfolger sind – mit einer Ausnahme – Reaktionäre im Hinblick auf die europäische Integration. Sie denken nicht wirklich liberal. Sie neigen dazu, zu sehr nach nationalen Interessen zu agieren und zu reagieren, und haben die strategische Notwendigkeit der europäischen Integration nicht verstanden.

Frage: Es gibt die Redensart “Beim Geld hört die Freundschaft auf.” Man hat den Eindruck, dass die Deutschen jetzt als Kollektiv aufgefordert sind, den ärmeren Staaten zu helfen – und dass das den Deutschen sehr schwerfällt.

Schmidt: Der Fehler wurde mit Maastricht gemacht, 1991/92. Zu dieser Zeit waren wir zwölf Mitgliedstaaten der EU. Nicht nur, dass alle europäischen Staaten eingeladen wurden, Mitglieder der EU zu werden – sie wurden auch aufgefordert, Teil des Euros zu werden. Und das, ohne vorher die Regeln zu ändern oder klarzustellen. Das waren die großen Fehler. Unter den Folgen dieser Unterlassung leiden wir jetzt.

Frage: Hätte die EU den Euro nur in einer kleinen Gruppe von Ländern einführen sollen?

Schmidt: Das ist meine Ansicht – und man hätte striktere Regeln für das wirtschaftliche Verhalten der Mitglieder festlegen müssen. Der sogenannte Stabilitäts- und Wachstumspakt hat keinen Gesetzescharakter, sondern ist lediglich eine Vereinbarung zwischen Regierungen. Und es war nicht hilfreich, dass Frankreich und Deutschland die Vorschriften des Pakts verletzt haben. Merkel würde diese Fehler gerne korrigieren, aber ihre Erfolgsaussichten sind recht gering, und sie agiert nicht sehr geschickt.

Frage: Hans Tietmeyer wollte im Grunde genommen nicht, dass Italien Mitglied der Währungsunion wurde. Sie haben ihn Mitte der 1990er-Jahre kritisiert: Er sei ein deutscher Nationalist, weil er sich damals für einen harten Kern aussprach. Stützen Sie jetzt nicht genau diesen Ansatz?

Schmidt: In der Zwischenzeit ist viel geschehen, die globale Spekulation, die Globalisierung der Geld- und Kapitalmärkte, der Finanzinstrumente. Der Entwurf der europäischen Verfassung scheiterte. Nun haben wir den komplexen Vertrag von Lissabon, und zugleich gibt es nur wenige Persönlichkeiten, die führen könnten. Eine sehr wichtige Figur war der Präsident der EU-Kommission, Jacques Delors. Seine Nachfolger waren Leute, deren Namen man kaum kennt. Dasselbe gilt für die Vorsitzenden diverser Ausschüsse und für Premierminister.

Wie heißt der Präsident des Europäischen Rates? Van Rompuy? Er hat eine sogenannte Außenministerin, eine britische Dame, deren Namen man nicht wirklich kennen muss. Ähnliches gilt für das Europäische Parlament. Die einzige Figur, die hervorragt, ist der Präsident der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet. Ich bin nicht sicher, wie stark er innerhalb der EZB ist, aber soweit ich es überblicke, hat er bislang keinen größeren Fehler gemacht.

Frage: Aber seine Zeit läuft ab. Ende Oktober 2011 endet sein Mandat, es kann nicht erneuert werden.

Schmidt: Ich weiß. Aber er ist völlig unabhängig, in gewisser Weise gibt ihm das die Freiheit, die Stimme zu erheben.

Frage: Griechenland und Portugal traten in die Währungsunion mit einer ausgeglichenen Bilanz ein: Ihr Auslandsvermögen und ihre Auslandsschulden glichen sich in etwa aus. Dann bauten sie Jahr für Jahr Leistungsbilanzdefizite von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf. Man muss kein Genie sein, um herauszufinden, dass sie nun auf Auslandsschulden von 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sitzen.

Schmidt: Die Frage ist doch: Wie konnte es passieren, dass davon niemand etwas gemerkt hat, weder in Basel noch in Brüssel, noch in irgendeinem statistischen Amt? Niemand scheint das verstanden zu haben. Übrigens: Für eine lange Zeit hat die politische Elite in Deutschland nicht begriffen, dass wir Überschüsse in unserer Leistungsbilanz aufbauen. Wir verhalten uns genauso wie die Chinesen.

Der große Unterschied besteht darin, dass die Chinesen eine eigene Währung haben, wir nicht. Hätten wir eine eigene Währung, wäre sie inzwischen aufgewertet. Hätten wir die D-Mark behalten, wie Tietmeyer es vorgezogen hatte, hätte es in den vergangenen 20 Jahren mindestens ein oder zwei Mal eine Spekulation gegen die D-Mark gegeben. Und deren Größenordnung hätte alles überstiegen, was wir mit Griechenland oder Irland erlebt haben. Bis jetzt hat die Idee einer gemeinsamen Währung meine volle Unterstützung, auch wenn die europäischen Führungen es nicht verstanden haben, die richtigen Regeln zu setzen, und den großen Fehler begangen haben, jedermann aufzunehmen.

In den kommenden 20 Jahren ist es ziemlich wahrscheinlich, zumindest zu 51 Prozent, dass sich ein harter Kern der Europäischen Union herausbilden wird. Die Franzosen, die Deutschen und die Niederländer werden dazugehören. Ich bin mir nicht so sicher, ob auch die Italiener. Ich bin mir recht sicher, dass die Briten nicht dazugehören, dasselbe mag auf die Polen zutreffen. Es wird sich dabei nicht um eine Kernunion mit Paragrafen auf dem Papier handeln. Aber es wird ein harter Kern de facto sein, nicht de jure.

Frage: Und sicherlich gehören auch die Benelux-Staaten dazu, die Österreicher und wahrscheinlich Dänemark und Schweden.

Schmidt: Wahrscheinlich Österreich, denkbar sind auch Dänemark und Schweden. Die Dänen sind sehr vorsichtig, sie blicken immer noch Richtung London.

Frage: Ich erinnere mich, dass Sie mehrfach gesagt haben, dass die Deutschen sich in der Welt unbeliebt machen, falls sie die D-Mark behalten. Die Banken und die Währung wären Nummer eins in der Welt, alle anderen Ländern wären gegen uns und deshalb sei es besser gewesen, sich mit dem Euro in ein größeres europäisches Projekt einzubinden. Das ist alles ziemlich ironisch, weil die Bürger in Deutschland der Auffassung sind, Deutschland habe sehr vom Euro profitiert, weil die D-Mark niedrig gehalten wurde, und das hat den deutschen Exporten geholfen.

Schmidt: Ich frage mich, ob dieser Profit wirklich ein Profit ist. Ich frage mich, ob es wirklich gewinnbringend ist, andauernd Leistungsbilanzüberschüsse aufzubauen. Langfristig ist das kein Gewinn.

Frage: Weil diese Vermögen langfristig abgeschrieben werden müssen, da sie niemand bezahlt?

Schmidt: Ja, es bedeutet, dass man Waren verkauft und dafür nur Papiergeld erhält. Das wird später abgewertet, und man muss es abschreiben. So hält man Güter von der eigenen Nation fern, die sonst hätten konsumiert werden können.

Frage: Würden Sie sagen, dass in 20 Jahren die Währung mehr wert sein würde, wenn wir einen harten Kern hätten?

Schmidt: Das muss nicht unbedingt auf die Währung zutreffen, aber vermutlich auf die globale Politik, sei es gegenüber China, Iran, Afghanistan oder einer neuen Koalition islamischer Staaten. Das ist eine der großen Gefahren des 21. Jahrhunderts: dass wir es mit einer Koalition muslimischer Staaten zu tun haben werden. Wenn es einen Präsidenten in den USA geben würde, der eine Atombombe auf Teheran abwerfen lassen will, dann wären die Europäer stark genug, um zu sagen: “Wir machen da nicht mit.” Jetzt ist in Europa allerdings noch niemand stark genug für eine solche Haltung.

Frage: Und was ist mit Frankreich? Die Franzosen sind hin- und hergerissen zwischen den südlichen EU-Mitgliedern und Deutschland. Glauben Sie, es ist unumstößlich, dass Frankreich immer an der Seite Deutschlands in einer kleineren Kern-Währungsunion steht?

Schmidt: Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit liegt bei 51 Prozent. Da blieben 49 Prozent übrig. Ich bin kein Prophet. Ich weiß es nicht. Das hängt alles sehr vom Verhalten der Deutschen ab. Als ich an der Macht war, habe ich die Franzosen auf dem roten Teppich immer vorangehen lassen. Ich habe mich nie als Führungspersönlichkeit vorgedrängt, bis auf eine Ausnahme: mit meinem Einsatz gegen nukleare Mittelstrecken, die auf deutsche Städte zielten. Und am Ende hat mich das mein Amt gekostet.

Frage: Aber der französische Präsident Mitterrand ist im Januar 1983 nach Bonn gereist, nachdem Sie das Kanzleramt verlassen hatten – die Einladung kam noch von Ihnen als Kanzler. Er hat seine große Rede gehalten und Deutschland in der Raketenfrage unterstützt. Es hat also Kohl die Früchte der französischen Solidarität geerntet. Ironie der Geschichte?

Schmidt: Ja, das hatte aber den positiven Effekt, dass nach 1987 all diese Waffen auf beiden Seiten eliminiert wurden.

Frage: Es hieß immer: “Wir wollen kein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland.” Jetzt gibt es aber die Auffassung, dass Deutschland als größter Gläubiger in Europa sein Gewicht allzu sehr auf die Waagschale wirft.

Schmidt: Ich glaube, Merkel merkt nicht, dass sie dies tut.

Frage: Angenommen, Sie sind Gläubiger, fühlen sich in einer verwundbaren Position und sehen, dass Ihre Vermögenswerte abgeschrieben werden. Es kann sein, dass Ihr Guthaben, Ihre Reserven niedriger ausfallen, als Sie gedacht haben, weil die Schuldner nicht in der Lage sein werden, ihre Schulden zu tilgen.

Schmidt: Das geht weit über die Frage der Währungen und der Währungsreserven hinaus. Deshalb ist es auch eine psychologische Frage. Ich meine die Psychologie von Völkern und ihrer öffentlichen und veröffentlichten Meinung. Wegen der Nazizeit und des Zweiten Weltkriegs wird Deutschland für lange Zeit in der Pflicht stehen – für das ganze 21. Jahrhundert, vielleicht sogar noch für das 22. Jahrhundert. Ja, manchmal benehmen sich die Deutschen wie ein selbstbewusstes Volk und neigen dazu, jedermann zu schulmeistern. Dabei sind sie verwundbarer, als sie glauben.

Frage: Aber die Deutschen fühlen sich nicht stark. Die Leute auf der Straße fühlen sich unsicher, ihre Reallöhne sind seit vielen Jahren unter Druck. Der durchschnittliche Deutsche ist nicht gerade zuversichtlich.

Schmidt: Das trifft wahrscheinlich zu, schließt aber nicht die politische Klasse ein. Und auch nicht notwendig den rechten Flügel der Christdemokraten. Und es schließt nicht notwendig die extreme Linke ein.

Frage: Europa hat gedacht, es könnte allen Krisen entkommen, indem es seine internen Wechselkurse abschafft und die Währungsunion schmiedet. Nun scheint es aber, dass die Spekulanten, gestützt auf die Globalisierung der Finanzmärkte, die Spreads ins Visier nehmen werden, also die Unterschiede in den Renditen der Staatsanleihen. Zuerst griffen sie die Währungen an, nun sind es die Anleihemärkte.

Schmidt: Einer der Schwachpunkte der globalen Wirtschaft ist das Fehlen einer Verhaltenskontrolle für Finanzmanager. Man kann die Menschen in drei Gruppen einteilen: In der ersten befinden sich Menschen wie Sie und ich. Vielleicht haben wir mal, als wir Jungen waren, einen Apfel vom Nachbarsbaum geklaut, oder wir haben mal einen Schokoriegel in einem Supermarkt mitgehen lassen, ohne zu bezahlen. Aber ansonsten sind wir verlässliche Menschen. Die zweite Gruppe ist klein und besteht aus Kriminellen. Und dann haben wir als Drittes die Investmentbanker – inklusive aller Händler und Vertragsgestalter. Sie geben sich verschiedene Namen, aber sie sind alle gleich.

Frage: Was sagen Sie zu Großbritannien? Sie hatten ein sehr gutes Verhältnis zu James Callaghan, der 1976 britischer Premier wurde. Aber bei dem europäischen Währungssystem hat er nicht mitgemacht. Und bis heute ist Großbritannien nicht Mitglied der Europäischen Währungsunion. Meinen Sie, es war aus britischer Sicht grundsätzlich richtig, der Währungsunion fernzubleiben?

Schmidt: Grundsätzlich glaube ich, dass Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle recht hatte – lange, bevor das europäische Währungssystem kam.

Frage: Sie meinen seine Einschätzung, dass Großbritannien immer die USA Europa vorziehen werde?

Schmidt: Ich habe immer an die britische Vernunft und Staatsräson geglaubt. Ich bin sehr anglophil aufgewachsen. Ich habe immer Edward Heath unterstützt, der England in die Europäische Gemeinschaft eingebracht hat. Aber dann kamen Harold Wilson und Margaret Thatcher, die sich nicht immer feinfühlig verhalten haben.

Dann hatten wir Tony Blair, der sich in viel zu große Abhängigkeit von Amerika gebracht hat. Man kann nicht gleichzeitig derart von Amerika abhängen und eine verantwortliche Rolle in Europa spielen. Die Engländer waren immer gut darin, sich durchzuwursteln – und das ist genau das, was wir jetzt in Europa tun, wir wursteln uns durch.

(Erschienen im Handelsblatt)