Eine Branche stirbt: Nur noch 600 Videotheken in Deutschland

Eine Branche stirbt: Nur noch 600 Videotheken in Deutschland

Zuerst boten sie VHS, seit den 90ern die DVD, zuletzt die Bluray – so machten Videotheken gute Geschäfte. Das ist lange her – die Gegenwart nur noch düster.

Der Kunde ist entsetzt. “Dreißig Jahre – und jetzt macht ihr dicht?”, fragt der Endvierziger die Mitarbeiterin einer Videothek in Köln. Die nickt wortlos. Der Kunde geht die Regale entlang, jede DVD kostet einen Euro – nicht pro Verleihtag, sondern zum Kauf. Der Restbestand wird also verramscht, die Videothek ist kurz vor der Schließung – nach drei Jahrzehnten Verleihtätigkeit. Aufgewühlt führt der langjährige Kunde ein Selbstgespräch. “Ist alles nur noch Streaming heute, ist nicht mehr wie früher”, sagt er kopfschüttelnd. “Hier in den Regalen? Alte DVDs, die leiht keiner mehr.”

Das Beispiel der Kölner Ausleih-Filiale der Kette Videotaxi ist Teil eines seit Jahren andauernden Trends – bundesweit macht eine Videothek nach der anderen dicht, der Strukturwandel nimmt Fahrt auf. Die Firmen selbst halten sich mit Erklärungen zurück – von Videotaxi heißt es, man könne derzeit keine Fragen beantworten. Video World äußert sich ebenfalls nicht auf Anfrage. Was sollen sie auch sagen – dass sie gegen die Konkurrenz von Online-Diensten wie Amazon Prime, Netflix oder iTunes nun mal keine Chance haben und wie aus der Zeit gefallen wirken?

Ein Absturz in Zahlen

Gesamtzahlen zur Branche gibt es vom Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD). Der Abwärtstrend ist weiterhin rasant: Die Kundenzahl sank den Angaben zufolge von 2015 bis 2017 von 4,8 Millionen auf 2,6 Millionen, die Vermietvorgänge für Spielfilme brachen um mehr als die Hälfte von 68 Millionen auf 31 Millionen jährlich ein.

Die Preise stiegen zwar leicht, der Einbruch der Erlöse konnte damit aber nicht gestoppt werden: Fuhren die Videotheken hierzulande 2015 mit dem Spielfilm-Verleih noch einen Umsatz von 165 Millionen Euro ein, lag er 2017 nur noch bei 84 Millionen Euro. Die Zahl der Videotheken wiederum sank von 2016 bis 2017 von rund 900 auf 600. Heißt: In einem Jahr hat jede dritte Verleihstation dichtgemacht. Vor zehn Jahren waren es noch rund 3000.

Der Branchenverband IVD sieht weiterhin vor allem die Piraterie als Wurzel des geschäftlichen Übels – es werde zu wenig getan gegen illegale Downloads und Abrufe im Internet. “Ohne eine stärkere Bekämpfung der Piraterie wird es nicht wieder aufwärts gehen”, moniert Jörg Weinrich, Geschäftsführender Vorstand vom IVD. Ähnlich hatte er sich bereits 2014 geäußert – damals gab es noch weit über 1000 Videotheken.

Konkurrenz im Internet

Andere Experten halten hingegen die Internet-Konkurrenz für den Hauptgrund des Niedergangs. Florian Kerkau von der Strategieberatung Goldmedia sagt, durch die Online-Anbieter hätten stationäre Verleiher ihre Existenzberechtigung am Markt verloren. “Das Geschäftsmodell der Videotheken wurde eins zu eins ins Internet übertragen – anstatt in ein Geschäft zu gehen, eine DVD auszuleihen und später zurückbringen zu müssen, reichen heute ein paar Klicks.”

Hermann-Dieter Schröder vom Hans-Bredow-Institut an der Hamburger Universität sieht es ähnlich. “Videotheken werden durch Online-Dienste substituiert”, sagt er. Früher sei ihr Vorteil gewesen, dass Konsumenten den Zeitpunkt für eine Filmsichtung selbst wählen konnten, unabhängig vom Fernsehprogramm. “Durch das Internet ist das zur Selbstverständlichkeit geworden.” Und die Perspektiven? “Bleiben düster”, sagt Experte Kerkau. “Der Videothekenmarkt wird in der Bedeutungslosigkeit versinken.” Fachmann Schröder meint gar, in 10 Jahren werde die Zahl der Videotheken in Deutschland gegen null tendieren. “Die Branche liegt im Sterben.”

Die Videothek als unabhängiges Kulturangebot

Ein Videothekenbesitzer meldet sich dann doch noch zu Wort: Silvio Neubauer setzt in seiner Filmgalerie Berlin auf ein künstlerisch anspruchsvolles Programm und hat sich damit einen Namen gemacht. Vor dem Abwärtssog hat ihn das aber nicht bewahrt – seit 2008 sank der Umsatz um 70 Prozent. “Ohne drastisches Sparen bei Raumkosten und Personal sowie ein gerütteltes Maß an Selbstausbeutung würden wir […] nicht mehr existieren”, sagt Neubauer.

Er rümpft die Nase über die Streaming-Konkurrenz, die “inhaltlich schwachbrüstig” sei. Deren “Leitbild eines algorithmisch hochgezüchteten Kommerzangebotes” sei schlecht für das kulturelle Angebot – “mit langfristig schwer abschätzbaren Schäden auch im Bereich der Bildung”. 27.000 Titel zählt die Mediensammlung der Filmgalerie, die will Neubauer auch künftig erhalten. Aber wie? Er nennt den Staat: Nach seiner Überzeugung sind Videotheken für ein unabhängiges Kulturangebot enorm wichtig – für ihren Erhalt könnten Fördermodelle “vielleicht der einzige Ausweg sein”.

von Wolf von Dewitz, dpa

“Unsere Überschüsse machen uns kaputt”

“Unsere Überschüsse machen uns kaputt”

Melkkarussel. Bild: © Thomas Fries / CC BY-SA 3.0 DE

Die globalisierte Milchwirtschaft quält nicht nur Tiere, sondern beutet auch Menschen in und außerhalb Europas aus

Seit Jahrzehnten wird in der industriellen Milchviehhaltung zu viel Milch erzeugt. Milch muss so günstig wie möglich produziert werden – zu stets sinkenden Preisen. Weil sie gezwungen sind, mit minimalem Aufwand maximale Leistungen aus den Milchkühen herauszuholen, sind die meisten Milchviehbetriebe in den EU-Ländern am Limit angekommen.

Oft hoch verschuldet versuchen Milchbauern über die Produktion von immer größeren Milchmengen möglichst kostendeckend zu arbeiten: Mit immer größeren Anlagen, immer mehr Technik und immer mehr Tieren pro Betrieb. Im November 2016 gab es dem Statistischen Bundesamt zufolge hierzulande 4,22 Millionen Milchkühe, zwei Jahre zuvor waren es noch 4,3 Millionen.

Obwohl sich die Anzahl der Tiere leicht verringert hat, bleiben die in der EU produzierten Milchmengen unverändert hoch. Das geht nur, weil eine moderne Kuh immer mehr Milch gibt. Großrahmig und mager muss sie sein und ein möglichst großes Euter haben, das sich bequem maschinell melken lässt.

Ein Betrieb in Süddeutschland beispielsweise melkt um die 300 Milchkühe. Damit gehört er eher zu den mittelgroßen. Früher habe man 100 Kühe auf die Weide geschickt, berichtet die Bäuerin im Interview mit dem Dokumentarfilmer Andreas Pichler.

Um 300 Kühe auf die Weide zu treiben, dafür wäre der Aufwand zu hoch, weshalb die Tiere heute im Stall bleiben. Nur mit Hilfe modernster Technik kann die Familie die Arbeit bewältigen. Auf die Milchpreise haben die Bauern keinen Einfluss.

“Im Januar 2018 kosteten 100 Kilogramm Kuhmilch ab Hof netto 36,74 Euro”, heißt es bei Statista. Der Preis für ein Liter liegt bei etwa 37 Cent. Umsteiger auf Bio-Produktion beklagen im März 2018, dass der Grundpreis für Milch aus konventioneller Produktion zu 30 Cent pro Liter tendiert . Da müsse mein sein eigenes Geld mitbringen.

Um kostendeckend zu arbeiten, sind mindestens 40 Cent nötig. Vor dem Hintergrund eines massiven Strukturwandels waren tausende Milchbauernhöfe während der letzten Jahrzehnte gezwungen, ihre Betriebe aufzugeben.

Glaubt man der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI), so war beispielsweise die Zahl der Höfe zu Beginn des Jahres 2017 gegenüber dem Vorjahr bundesweit um 5,6 Prozent geschrumpft. Den restlichen Milchbauern bleibt nur die Hoffnung, dass die Preise irgendwann doch steigen.

Freier Markt mit sinkenden Preisen

Die Molkereien sind die entscheidenden Schnittstellen zwischen Produzenten und Konsumenten. Ursprünglich genossenschaftlich organisiert, ist vom sozialen Aspekt der gemeinschaftlichen Vermarktung heute wenig übrig – zum Beispiel beim Unternehmen Arla Foods. Vor 130 Jahren schlossen sich Milchbauern in Dänemark und Schweden zusammen, um ihre Molkereierzeugnisse gemeinsam zu vermarkten.

Im Laufe der Zeit wurde aus einer kleinen Molkerei ein Milch verarbeitender Konzern, der nach und nach alle kleineren Molkereien schluckte. Mit ihnen verschwanden die Bauern: Gab es 1987 in Dänemark um die 37.000 Landwirte, die rund 5,5 Milliarden Liter Milch produzierten, wird dieselbe Milchmenge heute von nur noch 3.500 Bauern erzeugt.

So betreibt ein moderner dänischer Agrarunternehmer nicht selten sechs Höfe mit mehr als 700 Kühen. Eine Kuh wird natürlicherweise um die zwanzig Jahre alt, Hochleistungskühe leben höchstens fünf Jahre. Nachdem sie zum ersten Mal gekalbt haben, wird in den drei letzten Lebensjahren ein Maximum an Milch aus ihnen herausgepresst.

Weil die Kühe nur Milch geben, wenn sie jedes Jahr ein Kalb bekommen, werden sie kurz nach jeder Kalbung wieder künstlich besamt. Ohne Kalb keine Milch – ohne Milch keine Existenzberechtigung. Oft sind die Preise so niedrig, dass die Futterkosten nicht gedeckt werden können. Dann werden die Kälber getötet und auf den Müll geworfen. Aufgezogen werden überhaupt nur weibliche Kälber, die Bullenkälber werden nach der Geburt an den Viehhändler verkauft.

Kleine Milchbauern sind die Verlierer

Die verarbeitende Industrie braucht Milch als billiges Material. Für sie muss Milch immer im Überschuss verfügbar sein. Vor allem über Dumpingpreise können die Molkereien die Bauern unter Druck setzen, denn woanders können sie Milch immer noch billiger einkaufen. Diese wird zu Produkten zu verarbeitet, die dann in den Discountern zu Niedrigstpreisen verramscht werden.

Wie konnte es dazu kommen? Zu Beginn der 1980er Jahre führte man die Milchquote ein, um die Überproduktion von Milch – “Milchseen” und “Butterberge” – zu stoppen. Dreißig Jahre später, im April 2015 wurde die Quote wieder abgeschafft.

Denn die auf Export ausgerichtete Agrarindustrie wollte den freien Markt ohne Mengenbegrenzungen. Seither darf jeder Bauer so viel Milch produzieren, wie er will. Mit dem Ergebnis, dass die Preise sinken: Inzwischen hat jeder zweite Milchbauer seinen Betrieb aufgegeben und seine Kühe und Rinder schlachten lassen.

So sank die Zahl der deutschen Milchviehbetriebe während der vergangenen 15 Jahren von 140.000 auf weit unter 70.000.

Konzerne kämpfen um globalen Milchmarkt

In Brüssel wird entschieden, wie die Gelder verteilt werden. Aktuell fließen 45 Milliarden Euro – mit 40 Prozent der größte Posten im Haushalt der EU – in die europäische Landwirtschaft. Doch von den so genannten Flächenprämien profitieren in erster Linie die größten Agrarbetriebe mit den meisten Flächen.

In Europa verkaufen die größten Konzerne jährlich nahezu 200 Millionen Tonnen Milch und Milchpulver. Dabei geht es um einen Markt von 100 Milliarden Euro. Die mächtigsten Akteure auf dem Milchmarkt sind Nestlé (Schweiz) und Danone (Frankreich). In Deutschland gehören das Deutsche Milchkontor (DMK) und die Müller-Gruppe zu den führenden Molkereien.

Die Lobby-Verbände der Agrarindustrie vertreten in Brüssel nur zehn Prozent der europäischen Bauern und zwar jene, die immer moderner, industrieller und effizienter arbeiten. Die anderen, kleineren Betriebe bleiben auf der Strecke.

Die Lebensmittelindustrie inklusive Einzelhandel mit einem Gesamtumsatz von 1,4 Billionen Euro ist der größte Wirtschaftszweig. Lebensmittelgiganten wie Nestlé und Danone werden in Brüssel durch Food Drink Europe vertreten. So wollen die dänische ArlaFoods und die niederländische FrieslandCampina nicht nur in Deutschland, sondern auf den globalisierten Märkten auch außerhalb Europas Kunden gewinnen.

Neue Wachstumsmärkte in China

Zwar ist der europäische Markt längst gesättigt, doch die Landwirtschaft muss immer weiter wachsen. Warum ist das so? Um das Jahr 2000 seien der Agrarmarkt und Finanzmärkte liberalisiert worden, erklärt Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen, im Interview mit dem Dokumentarfilmer Andreas Pichler.

Die europäische Agrarpolitik, die damals stark reglementiert war, sollte dem Weltmarkt geöffnet werden. Seitdem erhält der Landwirt Direktzahlungen und darf produzieren, was er will. Anstatt die die 13 Millionen in Europa zu unterstützen, investieren europäische Molkereien wie ArlaFoods und Danone in Asien. Damit erhöhen sie den Druck auf die Bauern in Europa.

Seit 1,3 Milliarden Chinesen auf den Geschmack von Milch gekommen sind, ist Milch in Asien zu einem gefragten Rohstoff geworden. Nach und nach sollen sich die Menschen in Asien an Milch gewöhnen. Denn, so versprechen die Konzerne, Milch macht sie größer, kräftiger und ausdauernder. ArlaFoods zum Beispiel erobert den chinesischen Markt mit Säuglingsnahrung.

Und ein spezielles Milchpulver soll die Beweglichkeit von Senioren in Hongkong stärken. Stets geht es dabei um die Interessen der Konzerne, ermöglicht ihnen doch der massenhafte globale Export ständiges Wachstum. Inzwischen stellt China auch eigene Milchprodukte her. So werden auf riesigen chinesischen Milchfarmen mehr als 10.000 Kühe gemolken.

Billiges Milchpulver zerstört Märkte in Afrika

Molkerei- und Nahrungsmittelkonzerne geben vor, die stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren zu wollen. So exportieren europäische Konzerne billige Milchprodukte nach Guinea-Bissau, Senegal, Mauretanien, Kamerun, Ghana und Togo. Das rentiert sich vor allem wegen der niedrigen Einfuhrzölle – und weil Milch in der EU subventioniert wird.

Vor ihrer Ausfuhr wird die Milch zwecks besserer Lagerung energieintensiv zu Milchpulver verarbeitet. So stapeln sich in afrikanischen Supermärkten Joghurt, Milch und Milchpulver aus der EU. Hier greifen afrikanische Kunden lieber zu den billigen ausländischen als zu den teuren einheimischen Produkten.

Das treibt die einheimische Landwirtschaft in den Ruin. Denn Bauern in Afrika erhalten keine Subventionen. Sie haben die realen Kosten für die Herstellung ihrer Produkte zu tragen, die sie an ihre Kunden weitergeben müssen. So zerstören billige Import-Lebensmittel die Existenzen Tausender afrikanischer Kleinbauern, für die es besonders in ländlichen Gegenden schwierig ist, einen Absatzmarkt für ihre Milch zu finden.

Milchpulver hat in Kamerun inzwischen einen Marktanteil von 50 Prozent. Der Joghurt, der daraus hergestellt wird, kostet nur ein Drittel des Preises aus der heimischen Milch. Das Milchfett werde in Europa entzogen, um Futter daraus zu machen, dafür wird dem Milchpulver Palmfett zugesetzt, erklärt Francisco Mari, Referent Welternährung bei Brot für die Welt, im Interview mit dem ZDF.

Auch kleine Molkereien im Senegal, die Joghurt und Dickmilch herstellen, haben es schwer, ihre Produkte in der eigenen Region neben billiger Importmilch zu verkaufen. Dabei würde gerade der Bau von Molkereien in Afrika neue Arbeitsplätze schaffen. Die Menschen hätten wieder eine Perspektive – und weniger Grund, nach Europa auszuwandern.

Riesige Mengen an Milchpulver bereiten auch Politikern in Europa Kopfzerbrechen: Seit 2015 haben sich in der EU 380.000 Tonnen Milchpulver angesammelt, 66.000 Tonnen davon lagern in Deutschland. Das Pulver war damals aufgekauft worden mit dem Ziel, die sinkenden Milchpreise zu stabilisieren.

Allerdings sind die Preise für Milchpulver inzwischen drastisch eingebrochen. Nun wird die EU das Pulver nicht ohne Verluste wieder verkaufen können.

Kannibalisierung des Agrarsektors

Die Bauern fressen sich gegenseitig auf. Rücksichtlos werde das Land des Nachbarn aufgekauft oder gepachtet, kritisiert der EU-Abgeordnete Martin Häusling. Doch auch Bauern sind nur Menschen. Bringt man ihnen und ihrer Arbeit keine Wertschätzung entgegen, verlieren sie Haus und Hof.

Dann sehen viele in ihrem Leben keinen Sinn mehr. Das zeigt die wachsende Selbstmordrate unter EU-Bauern: In Frankreich sterben jährlich etwa 200, die Dunkelziffer liegt bei 600, in Deutschland sterben 500, auch hunderte belgische und italienische Bauern nehmen sich aus Verzweiflung das Leben.

Unlängst gedachten Abgeordnete in Brüssel der Selbstmörder in einer Schweigeminute. Dass die Todesfälle etwas mit ihrer Politik zu tun haben könnten, wird den wenigsten in den Sinn gekommen sein. Stattdessen proklamieren die Lobbyisten der Lebensmittelkonzerne und deren Vertreter gnadenlos Wachstum und Wettbewerb in der Landwirtschaft. Ändert sich nichts an ihrer Politik, werden wohl noch viele Bauern freiwillig in den Tod gehen.

Zeit für eine echte Agrarreform

Die export- und wachstumsorientierte Landwirtschaft beschert zwar dem Handel und der Lebensmittelindustrie satte Gewinne, so Martin Häusling, den Bauern aber sichert sie keinerlei angemessenes Einkommen. Der Grünen-Politiker sprach sich schon vor einem Jahr dafür aus, das Zahlungssystem bis spätestens 2034 umzubauen. Die Förderung zu tiergerechteren Haltungssystemen müsse schrittweise angepasst und die Weidehaltung ausgebaut werden.

Die gemeinsame Agrarpolitik (GAP), die seit 1962 die Landwirtschaft in Europa regulieren soll, ist aus ökologischer und sozioökonomischer Sicht komplett gescheitert. Zu diesem Schluss kommen Ökonomen, Soziologen und Ökologen, die in einer Studie die Agrarpolitik auf ihre Wirtschaftlichkeit und globale Nachhaltigkeit bewerteten.

So erhöhen zwar die Flächenprämien die Einnahmen von Agrarbetrieben, tragen aber wenig zum Lebensstandard der Landwirte bei. Das liegt vor allem an der ungleichen Verteilung der Gelder: Laut Olaf Tschimpke vom NABU bekommen zwei Prozent aller Betriebe 33 Prozent aller EU-Agrarsubventionen. Achtzig Prozent aber erhielten für den ganzen Betrieb weniger als 5.000 Euro im Jahr.

Besonders für Kleinbauern in der EU ist die Unterstützung gänzlich unzureichend. Diese Ungleichheit ist auch ein Grund für den zunehmenden Bevölkerungsschwund in ländlichen Räumen.

Darüber hinaus kritisieren die Wissenschaftler die wachsende Abhängigkeit von Fördergeldern, beeinflusst sie doch Produktionsentscheidungen und verringert die Effizienz der Betriebe. Würden die Zahlungen plötzlich eingestellt, erklärt Martin Häusling, könnte kein Milchbauer mehr überleben.

Auch der Verlust der Artenvielfalt kann mit dem herrschenden System weder gestoppt, noch kann die Nitratbelastung des Grundwassers verringert werden. Das so genannte Greening ist kaum wirksam. Was Europa braucht, ist eine nachhaltige Ernährungs- und Landnutzungspolitik.

Dafür müssten Treibhausgase in der Tierhaltung und bei Düngemitteln wirkungsvoll verringert werden. Die gesamte Landwirtschaft – nicht nur in Europa – muss sich zu einem widerstandsfähigen System entwickeln, in dem Artenschutz und die Erhaltung von Biotopen oberste Priorität haben.

Tipp:

Das System Milch (Trailer)

Autor : Susanne Aigner 

Link : https://www.heise.de/tp/features/Unsere-Ueberschuesse-machen-uns-kaputt-4001364.html

Photo :

Melkkarussel. Bild: © Thomas Fries / CC BY-SA 3.0 DE

Melkkarussel. Bild: © Thomas Fries / CC BY-SA 3.0 DE

Die 120 Sekunden einer speziellen Uhr

Die 120 Sekunden einer speziellen Uhr

Gedreht wurde an der Uhr letztes Wochenende bei der Zeitumstellung nicht. Es gibt die Uhr auch erst seit 1947. Verwendet wurde sie in den Jahren 1986/1987 in der Kult-Comic-Serie „Watchmen“, dies hatte eine Steigerung ihres Bekanntheitsgrades zur Folge. Mit dem Spruch „es ist 5 vor 12“ kommen wir der Sache schon näher. Diese Form der Umgangssprache wird gebraucht, wenn man ausdrücken will, dass die Zeit knapp ist oder, dass das Fass kurz vor dem Überlaufen steht.

Die Doomsday-Clock (die Atomzeituhr oder Uhr des Jüngsten Gerichts) zeigt uns an, dass wir 2 vor 12 sind, also allerhöchste Eisenbahn.

Mit ihrer symbolischen Uhr wollen Atomwissenschaftler in ihrer Zeitschrift „Bulletin of the Atomic Scientists“ die Gesellschaft aufrütteln. Verdeutlichen, wie groß das Risiko einer globalen Atom- oder Umweltkatastrophe ist, wird seit nun 71 Jahren einmal im Jahr dargelegt. Begonnen hatte die Zeitansage mit 7 vor 12. Schon damals warnten die Wissenschaftler vor Atomwaffen und Umweltzerstörung.

Dass die Uhr im Jahre 2018 nochmals 30 Sekunden gegenüber dem Vorjahr vorgerückt wurde, erklären die Wissenschaftler mit der Tatsache, dass es aktuell keine Abrüstungsverhandlungen gibt. Vielmehr würde der Einsatz von Atomwaffen durch Modernisierungsprogramme nicht mehr ausgeschlossen. Zudem wären die Emissions-Klimaziele nicht erreicht, was potentiell global die Temperatur steigen lässt.

Die Doomsday-Clock gibt uns also noch 120 Sekunden.

Lawrence Krauss, der sich neben seiner Arbeit für das Bulletin, mit Physik und Erdveränderungen an der Arizona State University beschäftigt, machte bei der rezenten Vorstellung klar, dass ihm langsam die Geduld ausgeht. “Wenn unsere Regierungen nicht handeln, dann müssen die Bürger eben die Führung übernehmen”, forderte er die Zivilgesellschaft auf. Also frei nach dem verstorbenen Diplomaten und Lyriker Stéphane Hessel: „Engagez-vous“!

Am 7. Juli 2017 wurde von 122 Staaten bei den Vereinten Nationen ein Vertrag zum Verbot von Atomwaffen beschlossen. Dies ist ein Meilenstein in der Geschichte der nuklearen Abrüstung. Der Vertrag wurde zwischenzeitlich von 56 Staaten unterzeichnet und befindet sich in vielen Ländern im Ratifizierungsprozess. Die Länder, die dieses Verbot aushandelten, sind allesamt Staaten, die keine Atomwaffen besitzen. Luxemburg nahm auf Grund ihrer NATO-Mitgliedschaft nicht an den Verhandlungen teil und gehörte nicht zu den obigen 122 Staaten. Xanthe Hall ist Abrüstungsexpertin der internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Sie bringt die Bedeutung dieser Entscheidung der Vereinten Nationen auf den Punkt: „Es geht hier zunächst um die Delegitimierung der nuklearen Abschreckung als Mittel der Politik. Der Einsatz von Atomwaffen ist undenkbar, weil die Folgen auf Mensch und Umwelt katastrophal, unumkehrbar, global und langfristig sind. Doch manche Staaten planen das Undenkbare, um andere abzuschrecken. Diese Situation ist unhaltbar, da sie das Risiko in sich birgt, dass Atomwaffen eingesetzt werden. Die Ächtung der Atomwaffen durch Zweidrittel der Staaten bildet eine völkerrechtliche Norm und setzt die Atomwaffenstaaten unter Druck, die Abrüstung voranzutreiben. Erfolge aus anderen Verbotsvertragsprozessen, zum Beispiel bei Landminen und Streumunition, zeigen: Eine begrenzte Anzahl von Staaten geht voran, aber später treten auch die Besitzerstaaten bei.“

Begleitet und geprägt wurden diese Verhandlungen der Staatengemeinschaft durch die „International Campaign to Abolish Nuclear Weapons – ICAN“, die wichtigste zivilgesellschaftliche Organisation, die für einen starken und wirkungsvollen Verbotsvertrag arbeitet. Nicht umsonst und ganz klar als Signalwirkung, erhielt ICAN im Jahre 2017 den Friedensnobelpreis.

Am kommenden Oster-Montag findet im nahegelegenen Büchel (bei Cochem) ein traditioneller Ostermarsch statt. Der Fliegerhorst in Büchel ist Standort atomarer Waffen und es ist ein offenes Geheimnis, dass diese modernisiert werden sollen. Unter dem Motto „ICAN – We all can!“ steht diese Veranstaltung ganz klar im Zeichen der Abschaffung aller Atomwaffen.

Büchel liegt runde 60 Km Luftlinie von unserer nationalen Grenze entfernt. Grund genug um an diesem Ostermarsch teilzunehmen. Infos unter www.cerclevivihommel.lu Grund aber auch, um zu verdeutlichen, dass in Luxemburg die Diskussionen um Frieden und Solidarität eine neue Dynamik erhalten werden. Der Vertrag zum Verbot von Atomwaffen wird eine Priorität auf der Agenda haben.

Raymond Becker
Cercle de Réflexion et d’Initiative Vivi Hommel asbl

Informatik für alle

Informatik für alle

Der Koalitionsvertrag verspricht Computer und WLAN für die Schulen. Aber ohne ein Pflichtfach Informatik bleiben die Schüler digital unmündig.

Ein Gastbeitrag von Urs Lautebach.

Es klingt hübsch, den Schulen WLAN, Beamer und Tablets zu versprechen, aber Bildung kommt weder mit dem Möbelwagen, noch wird sie im Klassenzimmer an die Wand geschraubt. Die gesamte Digitalisierungsdebatte übersieht den wichtigsten Punkt: Geräte garantieren kein Verständnis und kein Wissen, so wenig wie die Anschaffung von Instrumenten den Musikunterricht ersetzt. Trotzdem spricht der aktuelle Koalitionsvertrag nur von “digitale[r] Lernumgebung” und “Infrastruktur”, und auch die geforderte “Medienkompetenz” macht Schüler und Schülerinnen weiterhin nur zu Usern und Konsumenten.

Und wer kennt diese Haltung nicht: “Google funktioniert, mehr muss ich nicht wissen.” – “Mein Word will heute wieder nicht.” Diese Hilflosigkeit führt in eine digitale Unmündigkeit, denn wer von Informatik keine Ahnung hat, kann zwar die Systeme benutzen, die andere entwerfen und bewirtschaften, aber er oder sie kann sie nicht hinterfragen und schon gar nicht an eigene Bedürfnisse anpassen. Zu technisch geprägten Themen kann er sich keine Meinung bilden und die Wahrnehmung bestimmter Rechte bleibt ihm zunehmend verwehrt.

Mündige Informationsbürger

Dabei kann die Haltung der souveränen Bürgerin zur Informationstechnik durchaus von Skepsis, Kritik oder sogar Ablehnung geprägt sein. Um aber eine solche Haltung überhaupt vertreten zu können, muss sie etwas von der Sache verstehen. Ein Beispiel dafür ist die Wahlcomputer-Debatte, in der das Bundesverfassungsgericht 2009 ein Machtwort sprechen musste: Der Einsatz ist verfassungswidrig, weil “die …Wahlhandlung … vom Bürger zuverlässig und ohne besondere Sachkenntnis überprüfbar sein [muss]”. Der Widerstand gegen Wahlcomputer kam aber nicht aus Politik oder Fachbehörden, sondern zuerst von Informatikerinnen, besonders aus dem Chaos Computer Club. Unsere Gesellschaft braucht diese Menschen, die ihren Bürgersinn mit technischem Wissen vereinen.

Deshalb brauchen wir ein Schulfach Informatik. Es muss mit qualifizierten Lehrkräften, einem sorgfältig geschriebenen Bildungsplan, ausreichend Zeit im Stundenplan und einer Zeile im Zeugnis ausgestattet werden. Seine wichtigste Aufgabe muss die Entmystifizierung der digitalen Welt sein, so wie Biologie, Physik und Chemie jeweils einen Teil unserer Welt entzaubern. Auch dort erleben Kinder mit ihrem eigenen Denken, dass die Natur erklärbar und verstehbar ist. Diese Erfahrung bleibt ihnen erhalten, auch wenn sie Impulserhaltung und Zellteilung wieder vergessen.

Diese Entmystifizierung müssen die Schüler wirklich erleben: Wie kann etwas dermaßen Komplexes nur aus Nullen und Einsen bestehen? Wie kann eine Nachricht so schnell in Übersee ankommen? Wie merkt sich Facebook alle meine Daten? Viele Schüler wollen programmieren lernen, was äußerst motivierende Erfolgserlebnisse ermöglicht. Aber Informatikunterricht umfasst auch Datenbanken, Netzwerke, Kryptografie und vieles mehr.

Beherrschen statt Bedienen

Leider läuft es an Schulen bisher oft umgekehrt: “Computer kann man nicht verstehen”, ist die unausgesprochene Botschaft der meisten fachfremden Lehrkräfte, unmissverständlich ergänzt durch: “… muss man aber auch nicht.” Das kann man ihnen nicht vorwerfen, denn diese Lehrer hatten selbst nie Zugang zu informatischer Bildung. Verstehen ist aber das vorrangige Bildungsziel, das deshalb nur im einem eigenständigen Fach erreicht werden kann. Das Erlebnis, Computer zu beherrschen statt nur zu bedienen, steht als kognitive Grunderfahrung auf einer Stufe steht mit dem Erwerb einer Fremdsprache, dem Kennenlernen der Naturgesetze, dem Erlernen einer Sportart oder der ersten Wahrnehmung politischer Teilhabe.

Neben der digitalen Mündigkeit sprechen auch die Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt für ein Pflichtfach. Im Jahr 2040 werden Berufe wie Bankberater oder Taxifahrer verschwunden sein. Auch höchst anspruchsvolle Tätigkeiten wie die von Radiologen lassen sich bald automatisieren. IT-Fachkräfte hingegen werden verzweifelt gesucht. In Deutschland fehlen Hunderttausende Informatiker. Der Mangel hemmt das Wachstum ganzer Branchen und stellt Deutschland als Innovationsstandort in Frage. Jugendliche in entsprechenden Ausbildungsgängen haben oft falsche Erwartungen wie Spieleentwicklung oder Webdesign, die dann Enttäuschungen und Studienabbrüche produzieren. Dabei stehen ihnen in keiner anderen Branche so zukunftssichere, interessante und gut bezahlte Jobs offen. Sie sollten daher ein halbwegs treffendes Bild von der Informatik haben.

Informatikunterricht ist nicht Konsum

Zugegeben: Ein neues Fach ist ein politischer und organisatorischer Kraftakt und ein undankbarer dazu. Selbst wenn etwa Baden-Württemberg so schnell wie möglich (etwa 2021/22) ein vollwertiges Fach Informatik ab Klasse fünf einrichtet, macht der erste Jahrgang 2027 Realschulabschluss oder 2029 Abitur. Den Arbeitsmarkt erreicht er frühestens 2032. Es darf nicht länger abgewartet werden.

Ein weiteres Gegenargument lautet: Der Medienkonsum vieler Jugendlicher sei ohnehin zu hoch. Jetzt auch noch in der Schule? Muss das sein? Aber das ist ein Missverständnis. Informatikunterricht ist nicht Konsum, sondern fördert vielmehr die intellektuelle, oft auch äußerst kreative Beschäftigung mit der Materie.

Es ist zu begrüßen, dass unsere Bildungssysteme nicht jedem Trend nachlaufen. Aber 2018 gibt es beim besten Willen keine Ausrede mehr: Informatik ist keine Modeerscheinung, sondern die Strukturwissenschaft des 21. Jahrhunderts schlechthin. Kosten, Personalmangel, uralter Fächerproporz – nichts davon rechtfertigt das endlose Zuwarten. Zwar gibt es Fortschritte in einzelnen Bundesländern (etwa Bayern und Sachsen), Informatik muss aber überall und an allen Schularten gelehrt werden, von fachlich erstklassig ausgebildeten Kräften und für alle Schüler verpflichtend. Für die Mädchen muss das Fach früh einsetzen, damit sie noch vor der Pubertät den Einstieg finden. Ein Umfang von durchgängig einer Jahreswochenstunde in der fünften bis zehnten Klasse erscheint sinnvoll und realistisch; mittelfristig muss schon der Sachunterricht der Grundschule erste Impulse geben. Nur so kann die Schule auch im 21. Jahrhundert ihrem Allgemeinbildungsauftrag gerecht werden.

Urs Lautebach ist zweiter Sprecher der Informatiklehrerinnen und -lehrer Baden-Württemberg in der Gesellschaft für Informatik.

Source : http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2018-02/digitalisierung-informatikunterricht-schulen-bildung