Warum erzielen Frauen weniger Spitzenleistungen in der Mathematik?

Warum erzielen Frauen weniger Spitzenleistungen in der Mathematik?

Ein lange gehegtes Vorurteil ist, dass sich Frauen mit Mathematik schwerer tun und daher auch von ihr nicht angezogen werden sowie schlechter abschneiden. Dass Männer besser in Mathe seien als Frauen, ist auch das Selbstverständnis mancher Frauen. Dass diese zumindest in geringerem Maße herausragende mathematische Leistungen erbringen, scheint der Umstand zu belegen, dass es kaum Spitzenmathematikerinnen gibt und dieses Feld von Männern beherrscht wird. Aber warum ist dies so?

Zwar erreichen Männer und Frauen in den meisten Bereichen der Mathematik vergleichbare Leistungen (Frauen können Mathe, Männer auch), allerdings bleibt die empirische Tatsache, dass sich mehr Männer als Frauen im Spitzenbereich der Mathematik befinden. Gerne wird dieser Unterschied mit der 1999 geprägten Theorie des “stereotype threat” (Bedrohung durch ein Stereotyp) erklärt, also dass eben die Existenz des Vorurteils bei Frauen dazu führt, dass sie sich als mathematisch eher unbegabt einschätzen und deswegen auch schlechtere Ergebnisse erzielen. Belegt wurde die Hypothese durch Tests, bei denen Frauen und Männer vor der Lösung einer visuellen räumlichen Aufgabe daran erinnert wurden, dass sie Frauen und Männer sind. Während Männer daraufhin nicht schlechter abschnitten, war dies aber bei den Frauen so.

Nach den Psychologen David Geary von der University of Missouri und Gijsbert Stoet von der University of Leeds haben andere Studien die Ergebnisse, auf die sich die Theorie stützt, nur teilweise wiederholen können. Die Psychologen haben eine in der Zeitschrift Review of General Psychology vorab online veröffentlichte Metastudie durchgeführt und dabei herausgefunden, dass Studien, die angeblich nachgewiesen haben, dass Männer in Mathematik aufgrund des Geschlechtsvorurteils besser sind, methodische Fehler wie das Fehlen einer männlichen Kontrollgruppe aufweisen und/oder ungeeignete statistische Verfahren eingesetzt haben. Zudem werde in vielen Studien überhaupt kein wissenschaftlicher Beweis für das Stereotyp angeboten. Zwar könne das Stereotyp manche Frauen beeinflussen, konzedieren sie, der Unterschied in den mathematischen Hochleistungen könne damit aber wissenschaftlich nicht erklärt werden.

Für die Autoren hat die Theorie des “stereotype threat” daher unbegründet so viel Erfolg bei Wissenschaftlern und Politikern gefunden, die glaubten, dass der Geschlechterunterschied verschwinden werde, wenn das Vorurteil bekämpft wird. “Selbst mit vielen Programmen, die eingerichtet wurden, um dieses Problem zu lösen”, so David Geary, “blieb es weiterhin bestehen. Wir glauben nun, dass das falsche Problem angegangen wird.” Wenn man Versuchspersonen vor einem Test nahelegt, dass Angehörige einer Gruppe, zu der sie gehören, gewöhnlich bei einem solchem Test schlechter abschneiden, dann sei es nicht überraschend, dass sie dann auch tatsächlich schlechtere Ergebnisse produzieren. Das würde bei Männern genauso geschehen. Nach einer statistischen Überprüfung hätten sie jedenfalls bei den 20 untersuchten Studien keine signifikanten Wirkungen im Sinne der Theorie vom prägenden Vorurteil bemerken können.

Vermutlich würden Versuche, auf der Grundlage der Theorie das Vorurteil bekämpfen, das Problem nur verschlimmern, weil man wichtige Ressourcen für ein nicht existierendes Problem einsetze, während es weiterhin ein “unverhältnismäßig große Gruppe von Männern an der Spitze von Wissenschaft, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik” gebe. Das müsse sich ändern. Fragt sich nur wie? Die Autoren fordern, dass eine wirkliche Erklärung für den Geschlechterunterschied in dieser Hinsicht gefunden werden müsse, um Veränderungen zu bewirken.

Source : http://www.heise.de/tp/blogs/10/151244

Von : Florian Rötzer in Telepolis > Science-News

Warum erzielen Frauen weniger Spitzenleistungen in der Mathematik?

“Warum ist der Frauenanteil in der IT-Welt eigentlich so unterirdisch niedrig?”

Es war schon spät bei der Podiumsdiskussion des IT-Forums NordWestfalen zum Fachkräftemangel, als die junge Frau den durchweg männlichen Podiumsteilnehmern die Frage stellte, warum der Frauenanteil in der IT-Welt so niedrig ist. Aber Herbert Kuchen, Professor für praktische Informatik in der Wirtschaft an der Uni Münster, hatte sofort eine Antwort parat: “Zu meiner Studienzeit, Ende der 1970er, hatten wir einen Frauenanteil von 30% in der Informatik. Aber dann wurde der Informatik-Unterricht an den Schulen eingeführt.”

Für Kuchen ist die Sache klar: Der Informatik-Unterricht vermittelt ein völlig falsches Bild von seiner Disziplin. Dieses Bild kommt der Hacker- und Spiel-Mentalität der Jungs entgegen. Gerade, wenn nicht für jeden Schüler ein PC zur Verfügung steht, dominieren die Jungs, sie greifen sich die Tastatur und tippen drauflos, die Mädchen sitzen nur daneben und verlieren schnell das Interesse.

Dabei ist Informatik weit mehr als Programmieren, und die Unternehmen brauchen nicht nur Nerds, die Java, PHP und C++ besser sprechen als deutsch oder englisch. Cornelia Gaebert, selbst Mathematikerin, Mitbegründerin des IT-Forums und Geschäftsführerin des Softwarehauses INDAL weist darauf hin, dass vor der Programmierung das Verstehen der Kundenanforderungen und die Konzeption des Systems stehen. Informatiker müssen kommunikationsfähig sein, müssen erkennen können, was den Endanwendern und Kunden wirklich wichtig ist. Deshalb war die letzte Einstellung, die sie vorgenommen hat, eine junge Frau mit Kind, die im dualen Studium den Bachelor-Abschluss erreicht hat.

Die Mischung macht’s, am besten wäre es für die IT-Unternehmen, wenn sie Hardcore-Programmierer und Kommunikationsprofis, beide mit guter Informatik-Ausbildung, in Teams zusammenbringen können. Aber leider verlassen sie nicht im richtigen Mischungsverhältnis die Hochschulen. Es gibt viele gute Programmierer, die Scrum und Extreme Programming beherrschen, Datenbanksysteme optimieren können und alle Betriebssystem-Interna kennen. Am liebsten sitzen sie hinter zwei oder drei 21-Zoll-Monitoren an der Tastatur und kommunizieren mit ihrer Umwelt vorrangig per Email. Gebraucht werden aber Leute, die mit den Anwendern in stundenlangen Diskussionen Prozessabläufe und Anforderungen besprechen. Natürlich ist es nicht so, dass das Eine nur die Männer können und dass das Andere den Frauen vorbehalten wäre. Aber ein ausgeglichenes Verhältnis in den Projektteams ist aus vielen Gründen optimal.

Was tun? Sollte der Informatik-Unterricht an den Schulen wieder abgeschafft werden, damit den Mädchen nicht schon vor dem Abitur der Spaß an dieser Disziplin vergeht? Wahrscheinlich wäre manchmal gar kein Unterricht wirklich besser als einer, der völlig falsche Vorstellungen erzeugt und letztlich das Gegenteil von dem bewirkt, was eigentlich die Idee der Sache war. Aber besser noch wäre, wenn sich die Informatik-Lehrer an den Schulen darüber informieren würden, was Informatik in der Wirtschaft wirklich bedeutet. Da müssen allerdings auch die Unternehmer auf die Schulen zugehen. Der erste Schritt ist ja, dass eine Ursache erkannt und benannt ist – nun müssen Taten folgen.

Source : http://www.heise.de/tp/blogs/10/151009

Von : Jörg Friedrich in Telepolis > Science-News